CLAUSEWITZ: VOM KRIEGE

Skizzen zum siebenten Buche

Der Angriff



Dritter Teil

Nachdem ich es schon einmal gewagt habe, zu den Lesern des vorliegenden Werkes zu sprechen, und diese Kühnheit, so viel ich weiß, mit Nachtsicht aufgenommen worden ist, muß ich um die Erlaubnis bitten, auch diesen dritten Teil mit einigen Zeilen zu begleiten, und zwar zuvörderst um dessen verspätetes Erscheinen zu erklären und zu entschuldigen.

Dieser Teil enthält das siebente und achte Buch des Werkes vom Kriege, welche beide leider unvollendet geblieben sind und nur in flüchtigen Skizzen und Vorarbeiten vorhanden waren. Man wollte sie den Lesern nicht vorenthalten, denn auch in dieser unvollendeten Gestalt waren sie von Interesse, da sie wenigstens den Weg andeuten, den der Verfasser zu gehen beabsichtigte. Sie bedurften jedoch einer sorgfältigen Durchsicht, und da der Herr Major O'Etzel, der die Güte hatte, diese Arbeit zu übernehmen, durch Dienstgeschäfte lange in derselben gestört wurde, schien es um so zweckmäßiger, diesem dritten Teile den vierten, ganz vollendeten vorangehen zu lassen, als dieser den Feldzug von 1796, mithin den Anfang der eigentlichen Kriegsgeschichte enthielt, und schon von mehreren Seiten der Wunsch ausgesprochen worden war, auch mit dieser Abteilung des vorliegenden Werkes so bald als möglich bekannt gemacht zu werden.

Man hoffte diesen dritten Teil zugleich mit dem fünften herausgeben zu können, aber auch dies war nicht möglich, und so muß denn die Nachsicht der Leser wegen dieser doppelten Unterbrechung der natürlichen Reihenfolge in Anspruch genommen werden.

Es sind den beiden unvollendeten Büchern des Werkes vom Kriege noch einige Aufsätze beigefügt worden, die zwar nicht eigentlich zu demselben gehören, aber doch in so naher Beziehung damit stehen, daß sie hoffentlich nicht unwillkommen sein werden.

Der erste dieser Aufsätze wurde durch den Unterricht veranlaßt, den der Verfasser in den Jahren 1810, 11 und 12 die Ehre hatte, Seiner Königlichen Hoheit dem Kronprinzen zu erteilen. Derselbe enthält erstens den Entwurf, den der Verfasser dem Herrn General von Gaudi, Gouverneur des Kronprinzen, vorlegte, zweitens die Übersicht des Ganzen, mit welcher er diesen Unterricht schloß. Es ist schon in der Vorrede zum ersten Bande gesagt worden, daß diese Arbeit gleichsam den Keim des ganzen Werkes vom Kriege enthält, und schon in dieser Hinsicht dürfte sie wohl für die meisten Leser ein besonderes Interesse haben. Seine Königliche Hoheit der Kronprinz haben die Gnade gehabt, den Druck dieses Aufsatzes zu erlauben, wofür ich Höchstdemselben hier nochmals meinen untertänigsten Dank zu Füßen lege.

Berlin, den 5. Dezember 1833.

Marie von Clausewitz

Erstes Kapitel: Der Angriff in Beziehung auf die Verteidigung

Wenn zwei Begriffe wahre logische Gegensätze bilden, der eine also das Komplement des anderen wird, so geht im Grunde aus dem einen schon der andere hervor; wo aber auch die Beschränktheit unseres Geistes nicht gestattet, beide mit einem Blicke zu übersehen und in der Totalität des einen durch den bloßen Gegensatz die Totalität des anderen wiederzufinden, da wird doch in jedem Fall von dem einen immer ein bedeutendes und für viele Teile genügendes Licht auf den anderen fallen. So glauben wir, daß die ersten Kapitel der Verteidigung ein hinreichendes Licht auf den Angriff werfen in allen Punkten, welche sie berühren. Aber so wird es nicht durchgehends bei allen Gegenständen sein; das Gedankensystem hat niemals ganz erschöpft werden können, es ist also natürlich, daß da, wo der Gegensatz nicht so unmittelbar in der Wurzel des Begriffs liegt, wie bei den ersten Kapiteln, aus dem, was in der Verteidigung gesagt ist, nicht unmittelbar dasjenige folgt, was vom Angriff gesagt werden kann. Eine Veränderung des Standpunktes bringt uns dem Gegenstande näher, und es ist also natürlich, dasjenige, was man aus dem entfernten Standpunkte überblickt hat, aus diesem näheren in Betrachtung zu ziehen. Es wird also eine Ergänzung des Gedankensystems sein, wobei nicht selten das, was vom Angriff gesagt wird, noch ein neues Licht auf die Verteidigung wirft. So werden wir in dem Angriff meistens dieselben Gegenstände vor uns haben, die in der Verteidigung dagewesen sind. Aber es ist nicht in unserer Ansicht und nicht in der Natur der Sache, nach Art der meisten Ingenieurlehrbücher beim Angriffe alle positiven Werte, welche wir in der Verteidigung gefunden haben, zu umgehen oder zu vernichten und zu beweisen, daß es gegen jedes Mittel der Verteidigung irgendein unfehlbares Mittel des Angriffs gebe. Die Verteidigung hat ihre Stärken und Schwächen; sind die ersteren auch nicht unüberwindlich, so kosten sie doch einen unverhältnismäßigen Preis, und das muß von jedem Standpunkte aus wahr bleiben oder man widerspricht sich. Ferner ist es nicht unsere Absicht, das Widerspiel der Mittel erschöpfend durchzugehen; jedes Mittel der Verteidigung führt zu einem Mittel des Angriffs, aber oft liegt dieses so nahe, daß man nicht nötig hat, erst von dem Standpunkte der Verteidigung zu dem des Angriffs überzugehen, um es gewahr zu werden; das eine ergibt sich aus dem anderen von selbst. Unsere Absicht ist, bei einem jeden Gegenstande die eigentümlichen Verhältnisse des Angriffs, insoweit sie nicht unmittelbar aus der Verteidigung hervorgehen, anzugeben, und diese Art der Behandlung muß uns dann notwendig auch zu manchen Kapiteln führen, die in der Verteidigung keine korrespondierende haben.

Zweites Kapitel: Natur des strategischen Angriffs

Wir haben gesehen, daß die Verteidigung im Kriege überhaupt, also auch die strategische, kein absolutes Abwarten und Abwehren, also kein vollkommenes Leiden ist, sondern ein relatives, folglich mit mehr oder weniger offensiven Prinzipen durchdrungen. Ebenso ist der Angriff kein homogenes Ganze, sondern mit der Verteidigung unaufhörlich vermengt. Der Unterschied aber ist, daß die Verteidigung ohne Rückstoß gar nicht gedacht werden kann, daß dieser ein notwendiger Bestandteil derselben ist. So ist es aber nicht beim Angriff; der Stoß oder der Akt des Angriffs ist an sich ein vollständiger Begriff, die Verteidigung ist ihm an sich nicht nötig, aber Zeit und Raum, an welche er gebunden ist, führen ihm die Verteidigung als ein notwendiges Übel zu. Denn erstlich kann er nicht in einer stetigen Folge bis zur Vollendung fortgeführt werden, sondern erfordert Ruhepunkte, und in dieser Zeit der Ruhe, wo er selbst neutralisiert ist, tritt der Zustand der Verteidigung von selbst ein. Zweitens ist der Raum, welchen die vorschreitende Streitmacht hinter sich läßt und den sie zu ihrem Bestehen notwendig braucht, nicht immer durch den Angriff an sich gedeckt, sondern muß besonders geschützt werden.

Es ist also der Akt des Angriffs im Kriege, vorzugsweise aber in der Strategie, ein beständiges Wechseln und Verbinden von Angriff und Verteidigung, wobei aber letztere nicht als eine wirksame Vorbereitung zum Angriff, als eine Steigerung desselben anzusehen ist, also nicht als ein tätiges Prinzip, sondern als ein bloßes notwendiges Übel, als das retardierende Gewicht, welches die bloße Schwere der Masse hervorbringt; sie ist seine Erbsünde, sein Todesprinzip. Wir sagen ein retardierendes Gewicht, weil, wenn die Verteidigung nichts für den Angriff tut, sie schon durch den bloßen Zeitverlust, welchen sie repräsentiert, seine Wirkung vermindern muß. Aber kann dieser Bestandteil von Verteidigung, der in jedem Angriffe enthalten ist, nicht auch positiv nachteilig auf denselben einwirken? Wenn man sich sagt, daß der Angriff die schwächere, die Verteidigung die stärkere Form des Krieges ist, so scheint daraus zu folgen, daß diese nicht positiv nachteilig auf jene einwirken könne, denn solange man für die schwächere Form noch Kräfte genug hat, müssen diese um so mehr für die stärkere ausreichen. Dies ist im allgemeinen, d. h. in der Hauptsache wahr, und wie es sich noch näher bestimmt, werden wir im Kapitel von dem Kulminationspunkt des Sieges genauer auseinandersetzen; aber wir müssen nicht vergessen, daß jene Überlegenheit der strategischen Verteidigung eben zum Teil darin ihren Grund hat, daß der Angriff selbst nicht ohne Beimischung von Verteidigung sein kann, und zwar von einer Verteidigung viel schwächerer Art; was er von der Verteidigung mit sich herumschleppen muß, sind die schlimmsten Elemente derselben; von diesen kann nicht mehr behauptet werden, was vom Ganzen gilt, und so begreift sich, wie diese Elemente der Verteidigung auch positiv ein schwächendes Prinzip für den Angriff werden können. Eben diese Augenblicke einer schwachen Verteidigung im Angriff sind es ja, in welche die positive Tätigkeit des offensiven Prinzips in der Verteidigung eingreifen soll. In welcher verschiedenen Lage befinden sich während der 12 Stunden Rast, die einem Tagwerk zu folgen pflegen, der Verteidiger in seiner ausgesuchten, ihm wohlbekannten, zubereiteten Stellung und der Angreifende in seinem Marschlager, in welches er wie ein Blinder hineingetappt ist, oder während der längeren Rast, die eine neue Einrichtung der Verpflegung, das Abwarten von Verstärkungen usw. erfordern kann, wo der Verteidiger in der Nähe seiner Festungen und Vorräte und der Angreifende wie der Vogel auf dem Aste ist. Aber jeder Angriff muß mit einem Verteidigen endigen; wie dies beschaffen sein wird, hängt von Umständen ab; diese können sehr günstig sein, wenn die feindlichen Streitkräfte zerstört sind, aber auch sehr schwierig, wenn dies nicht der Fall ist. Obgleich diese Verteidigung nicht mehr zum Angriff selbst gehört, so muß doch ihre Beschaffenheit auf ihn zurückwirken und seinen Wert mitbestimmen helfen.

Das Resultat dieser Betrachtung ist: daß bei jedem Angriff auf die demselben notwendig beiwohnende Verteidigung Rücksicht genommen werden muß, um die Nachteile, welchen er unterworfen ist, klar einzusehen und sich darauf gefaßt machen zu können.

Dagegen ist der Angriff in einer anderen Beziehung vollkommen in sich immer ein und derselbe. Die Verteidigung aber hat ihre Stufen, nämlich je mehr das Prinzip des Abwartens erschöpft werden soll. Dies gibt Formen, die sich wesentlich voneinander unterscheiden, wie wir in dem Kapitel von den Widerstandsarten entwickelt haben.

Da der Angriff nur ein tätiges Prinzip hat und die Verteidigung in ihm nur ein totes Gewicht ist, das sich an ihn hängt, so ist eine solche Verschiedenheit in ihm nicht vorhanden. Freilich findet in der Energie des Angriffs, in der Schnelligkeit und Kraft des Stoßes ein ungeheurer Unterschied statt, aber das ist nur ein Unterschied in den Graden, nicht in der Art. - Man könnte sich wohl denken, daß auch der Angreifende einmal die verteidigende Form wählte, um besser zum Ziele zu kommen, daß er sich z. B. in einer guten Stellung aufstellte, um sich darin angreifen zu lassen; aber diese Fälle sind so selten, daß wir in unserer Gruppierung der Begriffe und der Sachen, wo wir immer von dem Praktischen ausgehen, nicht darauf Rücksicht zu nehmen brauchen. Es findet also beim Angriff keine solche Steigerung statt, wie sie die Widerstandsarten darbieten.

Endlich besteht der Umfang der Angriffsmittel in der Regel nur aus der Streitkraft; zu dieser muß man dann freilich auch die Festungen rechnen, die, in der Nähe des feindlichen Kriegstheaters gelegen, auf den Angriff einen merklichen Einfluß haben. Aber dieser Einfluß wird mit dem Vorschreiten immer schwächer, und es ist begreiflich, daß beim Angriffe die eigenen Festungen niemals eine so wesentliche Rolle spielen können wie bei der Verteidigung, wo sie oftmals eine Hauptsache werden. Der Beistand des Volkes läßt sich mit dem Angriff in solchen Fällen verbunden denken, wo die Einwohner dem Angreifenden mehr zugetan sind als ihrem eigenen Heere; endlich kann der Angreifende auch Bundesgenossen haben, aber sie sind dann bloß das Ergebnis besonderer oder zufälliger Verhältnisse, nicht eine aus der Natur des Angriffs hervorgehende Hilfe. Wenn wir also in der Verteidigung Festungen, Volksaufstand und Bundesgenossen in den Umfang der Widerstandsmittel aufgenommen haben, so können wir dies nicht auch beim Angriff tun; dort gehören sie zur Natur der Sache, hier finden sie sich selten und sind dann meistens zufällig.

Drittes Kapitel: Vom Gegenstande des strategischen Angriffs

Das Niederwerfen des Feindes ist das Ziel des Krieges, Vernichtung der feindlichen Streitkräfte das Mittel. Es bleibt beim Angriff wie bei der Verteidigung. Diese führt durch die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte zum Angriff, dieser zur Eroberung des Landes; es ist also dies sein Gegenstand, braucht aber nicht das ganze Land zu sein, sondern kann sieh auf einen Teil, eine Provinz, einen Landstrich, eine Festung usw. beschränken. Alle diese Dinge können einen genügenden Wert haben als politische Gewichte beim Frieden, entweder zum Behalten oder zum Austausch.

Der Gegenstand des strategischen Angriffs kann also von der Eroberung des ganzen Landes in zahllosen Abstufungen herab gedacht werden bis zum unbedeutendsten Platz. Sobald dieser Gegenstand erreicht ist und der Angriff aufhört, tritt die Verteidigung ein. - Man könnte sich also einen strategischen Angriff als eine bestimmte begrenzte Einheit denken. So ist es aber, wenn wir die Sache praktisch nehmen, d. h. nach den wirklichen Erscheinungen nicht. Hier laufen die Angriffsmomente, d. h. die Absichten und Maßregeln oft ebenso unbestimmt in die Verteidigung aus wie die Pläne der Verteidigung in den Angriff. Selten oder wenigstens nicht immer schreibt sich der Feldherr genau vor, was er erobern will, sondern er läßt es von den Ereignissen abhängen. Sein Angriff führt ihn oft weiter, als er gedacht hat, er bekommt oft nach mehr oder weniger kurzer Rast neue Gewalt, ohne daß man veranlaßt wäre, zwei ganz verschiedene Akte daraus zu machen; ein andermal kommt er früher zum Stehen, als er gedacht, ohne jedoch seinen Plan aufzugeben und in eine wahre Verteidigung überzugehen. Man sieht also, daß, wenn die erfolgreiche Verteidigung unmerklich in den Angriff übergehen kann, dies umgekehrt auch bei dem Angriff der Fall ist. Diese Abstufungen muß man im Auge haben, wenn man von dem, was wir von dem Angriff allgemein sagen, nicht eine falsche Anwendung machen will.

Viertes Kapitel: Abnehmende Kraft des Angriffs

Dies ist ein Hauptgegenstand der Strategie; von seiner richtigen Würdigung im einzelnen Fall hängt das richtige Urteil über das ab, was man tun kann.

Die Schwächung der absoluten Macht entsteht:

1. durch den Zweck des Angriffs, das feindliche Land selbst zu besetzen; dies tritt meistens erst nach der ersten Entscheidung ein, aber mit der ersten Entscheidung hört so der Angriff nicht auf;

2. durch das Bedürfnis der angreifenden Armeen, das Land hinter sich zu besetzen, um sich die Verbindungslinien zu sichern und leben zu können;

3. durch Verluste in Gefechten und durch Krankheiten;

4. Entfernung von den Ergänzungsquellen;

5. Belagerungen, Einschließungen von Festungen;

6. Nachlassen in den Anstrengungen;

7. Abtreten von Verbündeten.

Aber diesen Schwierigkeiten gegenüber befinden sich auch einige, die den Angriff verstärken können. Es ist jedoch klar, daß er die Ausgleichung dieser verschiedenen Größen das allgemeine Resultat bestimmt; so kann z. B. die Schwächung des Angriffs durch die Schwächung der Verteidigung zum Teil oder ganz aufgewogen oder überwogen werden. Dies letztere ist selten der Fall; man muß nur nicht immer alle im Felde stehende Streitkräfte miteinander vergleichen, sondern die an der Spitze oder die auf den entscheidenden Punkten sich gegenüberstehenden. - Beispiele verschiedener Art: die Franzosen in Österreich und Preußen, in Rußland; die Verbündeten in Frankreich, die Franzosen in Spanien.

Fünftes Kapitel: Kulminationspunkt des Angriffs

Der Erfolg im Angriff ist das Resultat einer vorhandenen Überlegenheit, wohlverstanden physische und moralische Kräfte zusammengenommen. Wir haben im vorigen Kapitel gezeigt, daß sich die Kraft des Angriffs nach und nach erschöpft; möglicherweise kann die Überlegenheit dabei wachsen, aber in der großen Mehrheit der Fälle wird sie abnehmen. Der Angreifende kauft Friedensvorteile ein, die ihm bei den Unterhandlungen etwas gelten sollen, die er aber auf der Stelle bar mit seinen Streitkräften bezahlen muß. Führt dieses im Vorteil des Angriffs sich täglich vermindernde Übergewicht bis zum Frieden, so ist der Zweck erreicht. - Es gibt strategische Angriffe, die unmittelbar zum Frieden geführt haben - aber die wenigsten sind von der Art, und die meisten führen nur bis zu einem Punkt, wo die Kräfte noch eben hinreichen, sich in der Verteidigung zu halten und den Frieden abzuwarten. - Jenseits dieses Punktes liegt der Umschwung, der Rückschlag; die Gewalt eines solchen Rückschlages ist gewöhnlich viel größer, als die Kraft des Stoßes war. Dies nennen wir den Kulminationspunkt des Angriffs. - Da der Zweck des Angriffs der Besitz des feindlichen Landes ist, so folgt, daß das Vorschreiten solange dauern muß, bis die Überlegenheit erschöpft ist; dies treibt also an das Ziel und kann auch leicht darüber hinausführen. - Bedenkt man, aus wieviel Elementen die Gleichung der Kräfte zusammengesetzt ist, so begreift man, wie schwer es in manchen Fällen auszumachen ist, wer von beiden die Überlegenheit auf seiner Seite hat. Oft hängt alles an dem seidenen Faden der Einbildung.

Es kommt also alles darauf an, den Kulminationspunkt mit einem feinen Takt des Urteils herauszufühlen. - Hier stoßen wir auf einen scheinbaren Widerspruch. - Die Verteidigung ist stärker als der Angriff, man sollte also glauben, daß dieser nie zu weit führen könne, denn solange die schwächere Form stark genug bleibt, ist man es ja für die stärkere um so mehr *.

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* Hier folgt in dem Manuskript die Stelle:

»Entwicklung diese Gegenstandes nach B.III., in dem Aufsatz über den Kulminationspunkt des Sieges.« Unter diesem Titel findet sich nun in einem Umschlage mit der Aufschrift: einzelne Abhandlungen als Materialien ein Aufsatz welcher eine Bearbeitung des hier nur skizzierten Kapitels zu sein scheint und am Ende des siebenten Buches abgedruckt ist. Anmerkung der Herausgeberin.

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Sechstes Kapitel: Vernichtung der feindlichen Streitkräfte

Vernichtung der feindlichen Streitkräfte ist das Mittel zum Ziel. - Was darunter verstanden wird. - Preis, den es kostet. - Verschiedene Gesichtspunkte, welche dabei möglich sind:

1. nur soviel zu vernichten, als der Gegenstand des Angriffs erfordert;

2. oder soviel als überhaupt möglich ist;

3. wenn die Schonung der eigenen dabei der Hauptgesichtspunkt wird;

4. dies kann wieder so weit gehen, daß der Angriff nur bei günstiger Gelegenheit etwas zur Vernichtung der feindlichen Streitkräfte unternimmt; wie dies bei dem Gegenstand des Angriffs auch der Fall sein kann und im dritten Kapitel schon vorgekommen ist.

Das einzige Mittel zur Zerstörung der feindlichen Streitkräfte ist das Gefecht, aber freilich auf eine doppelte Art: 1. unmittelbar; 2. mittelbar, durch Kombination von Gefechten. - Wenn also die Schlacht das Hauptmittel ist, so ist sie doch nicht das einzige. Die Einnahme einer Festung, eines Stück Landes ist an sich schon eine Zerstörung der feindlichen Streitkräfte, sie kann aber auch zu einer größeren führen, es also auch mittelbar werden.

Die Besetzung eines unverteidigten Landstriches kann also außer dem Wert, welchen sie als eine unmittelbare Zweckerfüllung hat, auch noch als Zerstörung der feindlichen Streitkräfte gelten. Das Herausmanövrieren des Feindes aus einer von ihm besetzten Gegend ist etwas nicht viel anderes und kann also nur unter demselben Gesichtspunkt, nicht wie ein eigentlicher Waffenerfolg angesehen werden. - Diese Mittel werden meistens überschätzt - selten haben sie den Wert einer Schlacht; und dabei ist immer noch zu fürchten, daß man die nachteilige Lage übersieht, in welche sie führen; wegen des geringen Preises, den sie kosten, sind sie verführerisch.

Überall müssen sie als geringere Einsätze angesehen werden, die auch nur zu geringen Gewinnen führen und sich für beschränktere Verhältnisse und schwächere Motive passen. Dann sind sie offenbar besser als zwecklose Schlachten. - Siege, deren Erfolge sich nicht erschöpfen lassen.

Siebentes Kapitel: Die Offensivschlacht

Was wir von der Defensivschlacht gesagt haben, wirft schon ein großes Licht auf die Offensivschlacht.

Wir haben dort die Schlacht im Auge gehabt, wo die Verteidigung am stärksten ausgesprochen ist, um das Wesen derselben fühlbar zu machen - die wenigsten Schlachten sind aber so, die meisten sind halbe rencontres, wo der Defensivcharakter sehr verlorengeht. So ist es aber nicht mit der Offensivschlacht; sie behält ihren Charakter unter allen Umständen und darf ihn um so dreister behaupten, als der Verteidiger sich nicht in seinem eigentlichen esse befindet. Darum bleibt auch bei der nicht recht ausgesprochenen Defensivschlacht und bei den wahren rencontres immer etwas von dem Unterschiede in dem Charakter der Schlacht auf seiten des einen und des anderen. Die Haupteigentümlichkeit der Offensivschlacht ist das Umfassen oder Umgehen, also zugleich die Lieferung der Schlacht.

Das Gefecht mit umfassenden Linien hat an sich ganz offenbar große Vorteile; dies ist ein Gegenstand der Taktik. Diese Vorteile kann der Angriff nicht aufgeben, weil die Verteidigung ein Mittel dagegen hat, denn dieses Mittel kann er selbst nicht anwenden, insofern es mit den übrigen Verhältnissen der Verteidigung zu genau zusammenhängt. Um den umfassenden Feind mit Vorteil wieder zu umfassen, muß man sich in einer ausgesuchten und wohleingerichteten Stellung befinden. Aber was viel wichtiger ist, nicht alle Vorteile, welche die Verteidigung darbietet, kommen wirklich in Anwendung; die meisten Verteidigungen sind ein dürftiger Notbehelf, und die Verteidiger befinden sich meistens in einer sehr bedrängten und bedrohten Lage, wo sie, das Schlimmste erwartend, dem Angriff auf halbem Wege entgegenkommen. Die Folge ist, daß Schlachten mit umfassenden Linien oder gar mit verwandter Fronte, welche eigentlich die Folge eines vorteilhaften Verhältnisses der Verbindungslinien sein sollten, gewöhnlich die Folge der moralischen und physischen Überlegenheit sind. Marengo, Austerlitz, Jena. - Bei der ersten Schlacht ist übrigens die Basis des Angreifenden, wenn auch nicht der der Verteidigung überlegen, doch wegen der nahen Grenze meistens sehr groß, also kann er schon etwas wagen. - Der Seitenanfall, d. h. die Schlacht mit verwandter Fronte, ist übrigens wirksamer als die umfassende. - Falsche Vorstellung, daß ein umfassendes strategisches Vorrücken von Hause aus damit verbunden sein müsse wie bei Prag. Dies hat selten etwas damit gemein und ist eine sehr mißliche Sache, worüber in dem Angriff eines Kriegstheaters das Nähere. - So wie in der Verteidigungsschlacht der Feldherr das Bedürfnis hat, die Entscheidung möglichst lange hinzuhalten, Zeit zu gewinnen, weil eine unentschiedene Verteidigungsschlacht mit Sonnenuntergang gewöhnlich eine gewonnene ist, so hat der Feldherr in der Angriffsschlacht das Bedürfnis, die Entscheidung zu beschleunigen; aber von der anderen Seite ist mit der Übereilung eine große Gefahr verbunden, weil sie zur Verschwendung der Kräfte führt. Eine Eigentümlichkeit der Angriffsschlacht ist in den meisten Fällen die Ungewißheit über die Lage des Gegners; sie ist ein wirkliches Hineintappen in unbekannte Verhältnisse. Austerlitz, Wagram, Hohenlinden, Jena, Katzbach. Je mehr sie das ist, um so mehr Vereinigung der Kräfte, um so mehr Umgehen als Umfassen. Daß die Hauptfrüchte des Sieges erst im Verfolgen errungen werden, lehrt schon das zwölfte Kapitel des vierten Buches. Der Natur der Sache nach ist bei der Offensivschlacht das Verfolgen mehr ein integrierender Teil der ganzen Handlung als in der Verteidigungsschlacht.

Achtes Kapitel: Flußübergänge

1. Ein beträchtlicher Fluß, welcher die Richtungslinie des Angriffs durchschneidet, ist immer eine sehr unbequeme Sache für den Angreifenden; denn er ist, wenn er ihn überschritten hat, meistens auf eine Brücke eingeschränkt und wird also, wenn er nicht dicht an demselben stehenbleiben will, in all seinem Handeln sehr beengt sein. Denkt er gar darauf, dem Feinde jenseits ein entscheidendes Gefecht zu geben, oder darf er erwarten, daß dieser ihm dazu entgegenkommen wird, so begibt er sich in große Gefahren; ohne bedeutende moralische und physische Überlegenheit wird sich also ein Feldherr in diese Lage nicht begeben.

2. Aus dieser Schwierigkeit des bloßen Hintersichnehmens des Flusses entsteht such die Möglichkeit, ihn wirklich zu verteidigen, viel öfter, als es sonst der Fall sein würde. Setzt man voraus, daß diese Verteidigung nicht als das einzige Heil betrachtet, sondern so eingerichtet wird, daß, wenn sie selbst mißlungen ist, doch noch ein Widerstand in der Nähe des Flusses möglich bleibt, so treten zu dem Widerstand, welchen der Angreifende durch die Verteidigung des Flusses erleiden kann, in seinem Kalkül auch noch alle Vorteile, wovon unter Nr. 1 gesprochen ist, und beides zusammen macht, daß man die Feldherren beim Angriff vor einem verteidigten Fluß so viel Respekt haben sieht.

3. Aber wir haben im vorigen Buch gesehen, daß unter gewissen Bedingungen die eigentliche Verteidigung des Flusses recht gute Erfolge verspricht, und wenn wir auf die Erfahrungen sehen, so müssen wir gestehen, daß diese Erfolge eigentlich noch viel häufiger eintreten, als die Theorie sie verspricht, weil man in dieser doch nur mit den wirklichen Verhältnissen rechnet, wie sie sich finden, während in der Ausführung dem Angreifenden gewöhnlich alle etwas schwieriger erscheinen, als sie wirklich sind, und daher ein starker Hemmschuh seines Handelns werden.

Ist nun gar von einem Angriff die Rede, der nicht auf eine große Entscheidung geht und nicht mit durchgreifender Energie geführt wird, so kann man sagen, daß in der Ausführung eine Menge von kleinen, in der Theorie gar nicht zu berechnenden Hindernissen und Zufällen sich zum Nachteil des Angreifenden zeigen werden, weil er der Handelnde ist, also mit ihnen am ersten in Konflikt kommt. Man bedenke nur, wie oft die an sich unbedeutenden lombardischen Flüsse mit Erfolg verteidigt worden sind. - Wenn es in der Kriegsgeschichte dagegen auch Flußverteidigungen gibt, die nicht das von ihnen Erwartete geleistet haben, so liegt es darin, daß man zuweilen von diesem Mittel ganz übertriebene Wirkung verlangt hat, die sich ganz und gar nicht auf seine taktische Natur gründete, sondern bloß auf seine aus der Erfahrung bekannte Wirksamkeit, die man dann noch über alle Gebühr ausdehnen wollte.

4. Nur dann, wenn der Verteidiger den Fehler macht, auf die Verteidigung seines Flusses sein ganzes Heil zu bauen und sich in den Fall setzt, durch ihre Sprengung in große Verlegenheiten und eine Art Katastrophe zu geraten, nur dann kann die Flußverteidigung als eine dem Angriff günstige Form des Widerstandes angesehen werden, denn es ist allerdings leichter, eine Flußverteidigung zu sprengen als eine gewöhnliche Schlacht zu gewinnen.

5. Es folgt aus dem Bisherigen von selbst, daß Flußverteidigungen von einem großen Wert werden, wenn keine große Entscheidung gesucht wird, daß aber da, wo diese von der Übermacht oder Energie des Gegners zu erwarten ist, dies Mittel, wenn es falsch angewendet wird, von einem positiven Wert für den Angreifenden sein kann.

6. Die wenigsten Flußverteidigungen sind so, daß sie nicht umgangen werden könnten, sei es im allgemeinen der ganzen Verteidigungslinie oder im besonderen eines einzelnen Punktes. Es bleibt also dem überlegenen, auf große Schläge ausgehenden Angreifenden immer das Mittel, auf einem Punkt zu demonstrieren und auf einem anderen überzugehen und dann die ersten nachteiligen Verhältnisse im Gefecht, welche ihn treffen können, durch die Überzahl und ein rücksichtsloses Vordringen gutzumachen, denn auch dies letztere wird durch die Überlegenheit möglich gemacht. Ein eigentliches taktisches Forcieren eines verteidigten Flusses, indem man einen feindlichen Hauptposten durch überlegenes Feuer und überlegene Tapferkeit vertreibt, kommt daher selten oder nie vor, und der Ausdruck eines gewaltsamen Überganges ist immer nur strategisch zu nehmen, insofern der Angreifende durch seinen Übergang an einer gar nicht oder wenig verteidigten Stelle innerhalb der angeordneten Linie alle Nachteile, die ihm nach der Absicht des Verteidigers aus seinem Übergang erwachsen sollen, braviert. - Das Schlechteste aber, was der Angreifende tun kann, ist ein wirklicher Übergang auf mehreren Punkten, wenn sie nicht ganz nahe beieinander liegen und ein gemeinschaftliches Schlagen gestatten; denn da der Verteidiger notwendig geteilt sein muß, so begibt der Angreifende sich durch ein Teilen seiner Kräfte seines natürlichen Vorteils. Dadurch verlor Bellegarde 1814 die Schlacht am Mincio, wo zufällig beide Armeen zugleich an verschiedenen Punkten übergingen, und die Österreicher mehr geteilt als die Franzosen.

7. Bleibt der Verteidiger diesseits des Flusses, so versteht es sich von selbst, daß es zwei Wege gibt, ihn strategisch zu besiegen: entweder, indem man dessenungeachtet auf irgendeinem Punkt übergeht und also den Verteidiger in demselben Mittel überbietet, oder durch eine Schlacht. Bei dem ersten sollten die Verhältnisse der Basis und Verbindungslinien vorzüglich entscheiden, aber freilich sieht man oft die speziellen Anstalten mehr entscheiden als die allgemeinen Verhältnisse; wer bessere Posten zu wählen weiß, besser sich einzurichten, wem besser gehorcht wird, wer schneller marschiert usw., kann mit Vorteil gegen die allgemeinen Umstände ankämpfen. Was das zweite Mittel betrifft, so setzt es bei dem Angreifenden die Mittel, die Verhältnisse und den Entschluß zu einer Schlacht voraus; wo aber diese vorauszusetzen sind, da wird der Verteidiger nicht leicht diese Art von Flußverteidigung wagen.

8. Als Endresultat müssen wir also sagen, daß, wenn auch der Übergang über einen Fluß an und für sich in den wenigsten Fällen große Schwierigkeiten hat, doch in allen Fällen, die keine große Entscheidung mit sich führen, sich soviel Bedenken für die Folgen und entfernteren Verhältnisse daran anknüpfen, daß allerdings der Angreifende dadurch leicht zum Stehen gebracht werden kann: so daß er entweder den Verteidiger diesseits des Flusses läßt oder allenfalls übergeht, aber dann dicht am Fluß stehenbleibt. Denn daß beide Teile lange an verschiedenen Seiten des Flusses einander gegenüberbleiben, kommt nur in wenigen Fällen vor.

Aber auch in Fällen großer Entscheidung ist ein Fluß ein wichtiges Objekt; er schwächt und stört immer die Offensive, und das günstigste in diesem Falle ist, wenn der Verteidiger dadurch verleitet wird, ihn als eine taktische Barriere zu betrachten und aus seiner eigentlichen Verteidigung den Hauptakt seines Widerstandes zu machen, so daß der Angreifende den Vorteil in die Hände bekommt, den entscheidenden Schlag auf eine leichte Art zu tun. - Freilich wird dieser Schlag im ersten Augenblick niemals eine vollständige Niederlage des Gegners sein, aber er wird in einzelnen vorteilhaften Gefechten bestehen, und diese dann beim Gegner sehr schlechte allgemeine Verhältnisse herbeiführen wie 1796 bei den Österreichern am Niederrhein.

Neuntes Kapitel: Angriff von Defensivstellungen

Im Buche von der Verteidigung ist hinreichend auseinandergesetzt, inwiefern Defensivstellungen zwingen werden, sie entweder anzugreifen oder sein Vorschreiten aufzugeben. Nur solche, die das tun, sind zweckmäßig und geeignet, die Angriffskraft ganz oder zum Teil zu verzehren oder zu neutralisieren, und insoweit vermag der Angriff nichts dagegen, d. h. es gibt in seinem Bereich kein Mittel, diesen Vorteil aufzuwiegen. Aber nicht alle Defensivstellungen, die vorkommen, sind wirklich so. Sieht der Angreifende, daß er sein Ziel verfolgen kann, ohne sie anzugreifen, so wäre der Angriff ein Fehler; kann er sein Ziel nicht verfolgen, so frägt es sich, ob er den Gegner durch Flankenbedrohung herausmanövrieren kann. Nur wenn diese Mittel unwirksam sind, entschließt man sich zum Angriff einer guten Stellung, und dann pflegt der Angriff von der Seite her immer etwas weniger Schwierigkeit darzubieten; aber die Wahl zwischen beiden Seiten entscheidet die Lage und Richtung der gegenseitigen Rückzugslinien, also die Bedrohung des feindlichen Rückzuges und die Sicherung des eigenen. Zwischen beiden kann dann Konkurrenz entstehen, und dabei gebührt der ersten Rücksicht ein natürlicher Vorzug, denn sie ist selbst offensiver Natur, also mit dem Angriff homogen, während die andere defensiver Natur ist. Aber es ist gewiß und muß hier als eine Hauptwahrheit betrachtet werden: daß einen tüchtigen Gegner in einer guten Stellung anzugreifen ein mißliches Ding ist. Es fehlt freilich nicht an Beispielen solcher Schlachten, und zwar glücklicher, wie Torgau, Wagram (Dresden nennen wir nicht, weil wir den Gegner in derselben nicht tüchtig nennen mögen); aber im ganzen ist die Gefahr sehr gering und verschwindet gegen die Unzahl der Fälle, wo wir die entschlossensten Feldherren vor guten Stellungen salutieren sahen.

Aber man muß mit dem Gegenstand, den wir hier im Auge haben, nicht die gewöhnlichen Schlachten verwechseln. Die meisten Schlachten sind wahre rencontres, in denen zwar der eine steht, aber in einer unzubereiteten Stellung.

Zehntes Kapitel: Angriff verschanzter Lager

Es war eine Zeitlang Mode, sehr geringschätzend von Schanzen und ihren Wirkungen zu sprechen. Die kordonartigen Linien der französischen Grenzen, welche oft gesprengt worden waren, das verschanzte Lager von Breslau, in dem der Herzog von Bevern die Schlacht verlor, die Schlacht bei Torgau und mehrere andere Fälle hatten dies Urteil herbeigeführt, und die durch Bewegung und Offensivmittel errungenen Siege Friedrichs des Großen hatten auf alle Verteidigung, alles stehende Gefecht und namentlich alle Schanzen einen Reflex geworfen, der diese Geringschätzung noch vermehrte. Freilich, wenn ein paar tausend Mann mehrere Meilen Land verteidigen sollen, oder wenn Schanzen nichts anderes sind als umgekehrte Laufgräben, so sind sie für nichts zu rechnen, und es entsteht also durch das Vertrauen, welches man auf sie setzt, eine gefährliche Lücke. Aber ist es denn nicht Widerspruch oder vielmehr Unsinn, wenn man dies im Geist eines gemeinen Schwadroneurs, wie Tempelhoff es tut, auf den Begriff der Verschanzung selbst ausdehnt? Wozu wären dann überhaupt Schanzen, wenn sie nicht geeignet wären, die Verteidiger zu stärken? Nein! - nicht nur die Vernunft, sondern auch hundert und tausend Erfahrungen zeigen, daß eine gut eingerichtete, gut besetzte, gut verteidigte Schanze als ein in der Regel unnehmbarer Punkt zu betrachten ist und auch so von den Angreifenden betrachtet wird. Von diesem Element der Wirksamkeit einer einzelnen Schanze ausgegangen, ist es wohl nicht zu bezweifeln, daß der Angriff eines verschanzten Lagers eine sehr schwierige, meistens eine unmögliche Aufgabe für den Angreifenden ist.

Es liegt in der Natur der verschanzten Lager, daß sie schwach besetzt sind; aber mit guten Terrainhindernissen und tüchtigen Schanzen kann man sich auch gegen eine große Überzahl wehren. Friedrich der Große hielt den Angriff auf das Lager von Pirna für untunlich, ob er gleich das Doppelte der Besatzung dagegen anwenden konnte, und wenn später hin und wieder behauptet worden ist, daß es wohl hätte genommen werden können, so gründet sich der einzige Beweis dieser Behauptung auf den sehr schlechten Zustand der sächsischen Truppen, welches denn freilich nichts gegen die Wirksamkeit der Schanzen beweist. Aber es ist die Frage, ob diejenigen, welche hinterher den Angriff nicht allein für möglich, sondern sogar für leicht gehalten haben, in dem Augenblick sich dazu entschlossen hätten.

Wir glauben also, daß der Angriff eines verschanzten Lagers zu den ganz ungewöhnlichen Mitteln der Offensive gehört. Nur wenn die Schanzen in der Eile aufgeworfen, nicht vollendet, noch weniger mit Zugangshindernissen verstärkt sind, oder wenn überhaupt, wie das oft der Fall ist, das ganze Lager nur ein Schema von dem ist, was es sein sollte, eine halbfertige Ruine, dann kann ein Angriff darauf ratsam sein und sogar ein Weg werden, den Gegner mit Leichtigkeit zu besiegen.

Elftes Kapitel: Angriff eines Gebirges

Was ein Gebirge in den allgemeinen strategischen Beziehungen ist, sowohl bei der Verteidigung als selbst beim Angriff, geht hinreichend aus dem fünften und den folgenden Kapiteln des sechsten Buches hervor. Auch die Rolle, welche ein Gebirge als eigentliche Verteidigungslinie spielt, haben wir dort zu entwickeln gesucht, und daraus geht schon hervor, wie dasselbe in dieser Bedeutung von seiten des Angriffs zu betrachten ist. Es bleibt uns daher über diesen wichtigen Gegenstand hier wenig zu sagen übrig. Unser Hauptresultat war dort: daß die Verteidigung den ganz verschiedenen Gesichtspunkt eines untergeordneten Gefechts oder einer Hauptschlacht annehmen muß, daß im ersten Fall der Angriff eines Gebirges nur als ein notwendiges Übel betrachtet werden kann, weil er alle Verhältnisse gegen sich hat, daß aber im zweiten Fall sich die Vorteile auf Seite des Angriffs befinden.

Ein Angriff also, der mit den Kräften und dem Entschluß zu einer Schlacht ausgerüstet ist, wird seinem Gegner im Gebirge begegnen und gewiß seine Rechnung dabei finden.

Aber wir müssen auch hier noch einmal darauf zurückkommen, daß es schwer sein wird, diesem Resultat Gehör zu verschaffen, weil es gegen den Augenschein und auf den ersten Blick auf gegen alle Kriegserfahrung läuft. Noch in den meisten Fällen hat man nämlich gesehen, daß eine zum Angriff vordringende Armee, sie mag nun eine Hauptschlacht suchen oder nicht, es für ein unerhörtes Glück gehalten hat, wenn der Feind das Zwischengebirge nicht besetzt hatte, und sie beeilte sich dann, ihm zuvorzukommen, und niemand wird in diesem Zuvorkommen einen Widerspruch mit dem Interesse des Angreifenden finden. Dies ist auch in unserer Ansicht sehr zulässig, nur muß man hier genauer unterscheiden.

Eine Armee, die dem Feinde entgegengeht, um ihm eine Hauptschlacht zu liefern, wird, wenn sie ein unbesetztes Gebirge zu überschreiten hat, die natürliche Besorgnis haben, daß der Feind nur eben diejenigen Pässe, welcher sie sich dazu bedienen will, im letzten Augenblick verrennt; in diesem Falle würden für den Angreifenden nicht mehr dieselben Vorteile vorhanden sein, die ihm eine gewöhnliche Gebirgsstellung des Feindes dargeboten hätte. Dieser ist nämlich dann nicht mehr übernatürlich ausgedehnt, ist nicht mehr ungewiß über den Weg, welchen der Angreifende einschlägt, der Angreifende hat die Wahl seiner Straßen nicht mit Rücksicht auf die feindliche Aufstellung wählen können, und es ist also diese Schlacht im Gebirge nicht mehr mit allen den Vorzügen für den Angreifenden ausgerüstet, von denen wir im sechsten Buche gesprochen haben; unter solchen Umständen könnte der Verteidiger in einer unangreifbaren Stellung gefunden werden. Sonach würde ja dem Verteidiger auf diese Weise doch das Mittel zu Gebot stehen, einen vorteilhaften Gebrauch für seine Hauptschlacht aus dem Gebirge zu ziehen. - Möglich wäre dies allerdings, aber wenn man die Schwierigkeiten bedenkt, die es für den Verteidiger haben würde, sich im letzten Augenblick in einer guten Stellung im Gebirge festzusetzen, zumal wenn er es vorher ganz unbesetzt gelassen hätte, so wird man wohl dieses Verteidigungsmittel für ein ganz unzuverlässiges und also auch den Fall, welchen der Angreifende zu fürchten hat, für einen sehr unwahrscheinlichen halten. Aber darum, weil dieser Fall sehr unwahrscheinlich ist, bleibt es doch natürlich, ihn zu fürchten. Denn im Kriege ist es oft der Fall, daß eine Besorgnis sehr natürlich und doch ziemlich überflüssig ist.

Aber ein anderer Gegenstand, welchen der Angreifende hier zu fürchten hat, ist die vorläufige Gebirgsverteidigung durch eine Avantgarde oder Vorpostenkette. Auch dieses Mittel wird nur in den wenigsten Fällen seinem Interesse zusagen, aber der Angreifende ist nicht wohl imstande zu unterscheiden, inwiefern dies der Fall sein wird oder nicht, und so fürchtet er das Schlimmste.

Ferner widerspricht unsere Ansicht in diesem Punkt keineswegs der Möglichkeit, daß eine Stellung durch den Gebirgscharakter des Terrains ganz unangreifbar werde; es gibt dergleichen Stellungen, die darum noch nicht im Gebirge liegen: Pirna, Schmottseifen, Meißen, Feldkirch; und gerade weil sie nicht im Gebirge liegen, sind sie tauglicher. Aber man kann sich auch sehr wohl denken, daß solche Stellungen im Gebirge selbst gefunden werden können, wo sich die Verteidiger von den gewöhnlichen Nachteilen der Gebirgsstellungen losmachen können, z. B. auf hohen Plateaus, doch sind sie äußerst selten, und wir konnten nur die Mehrzahl im Auge haben.

Wie wenig sich Gebirge zu entscheidenden Verteidigungsschlachten eignen, sehen wir gerade aus der Kriegsgeschichte, denn die großen Feldherren, wenn sie es auf eine solche Schlacht ankommen lassen wollten, haben sich lieber in der Ebene aufgestellt, und es finden sich in der ganzen Kriegsgeschichte keine anderen Beispiele entscheidender Gefechte im Gebirge als die im Revolutionskrieg, wo offenbar eine falsche Anwendung und Analogie den Gebrauch der Gebirgsstellungen auch da herbeigeführt hat, wo man auf entscheidende Schläge rechnen mußte, 1793 und 1794 in den Vogesen und 1795, 96 und 97 in Italien. Jedermann hat Melas angeklagt, daß er 1800 die Alpendurchgänge nicht besetzt hatte; aber das sind Kritiken des ersten Einfalles, des bloßen, man möchte sagen kindischen Urteils nach dem Augenschein. Bonaparte an Melas' Stelle hätte sie ebensowenig besetzt.

Die Anordnung eines Gebirgsangriffs ist größtenteils taktischer Natur, nur glauben wir hier für die ersten Umrisse, also für diejenigen Teile, welche der Strategie zunächst liegen und mit ihr zusammenfallen, folgendes angeben zu müssen:

1. Da man im Gebirge nicht wie in anderen Gegenden von der Straße ausweichen und aus einem zwei oder drei machen kann, wenn das Bedürfnis des Augenblicks es erfordert, die Masse der Truppen zu teilen, sondern meistens in langen Defileen stockt, so muß das Vorgehen überhaupt auf mehreren Straßen oder vielmehr auf einer etwas breiteren Fronte geschehen.

2. Gegen eine weit ausgedehnte Gebirgsverteidigung wird natürlich der Angriff mit gesammelten Kräften geschehen; an ein Umfassen des Ganzen ist da nicht zu denken, und wenn ein bedeutender Siegeserfolg eintreten soll, so muß er mehr durch das Sprengen der feindlichen Linie und das Abdrängen der Flügelpartien erreicht werden als durch umfassendes Abschneiden. Schnelles, unaufhaltsames Vordringen auf der Hauptrückzugsstraße des Feindes ist da das natürliche Bestreben des Angreifenden.

3. Ist aber der Feind in einer weniger gesammelten Aufstellung im Gebirge anzugreifen, so sind die Umgehungen ein sehr wesentlicher Teil des Angriffs, denn die Stöße auf die Fronte werden auf die größte Stärke des Verteidigers treffen; die Umgehungen aber müssen wieder mehr auf ein wahres Abschneiden als auf einen taktischen Seiten- oder Rückenanfall abzielen, denn selbst im Rücken sind Gebirgsstellungen, wenn es nicht an Kräften fehlt, noch eines großen Widerstandes fähig; und es ist der schnellste Erfolg immer nur von der Besorgnis zu erwarten, die man dem Feinde gibt, daß er seinen Rückzug verliere; und diese Besorgnis entsteht im Gebirge früher und wirkt stärker, weil man sich im schlimmsten Fall nicht so leicht mit dem Degen in der Faust Platz machen kann. Aber eine bloße Demonstration ist hier nicht das genügende Mittel; sie würde den Feind allenfalls aus seiner Stellung herausmanövrieren, aber keinen sonderlichen Erfolg geben, es muß also auf ein wirkliches Abschneiden abgesehen sein.

Zwölftes Kapitel: Angriff von Linienkordons

Wenn in ihrer Verteidigung und in ihrem Angriff eine Hauptentscheidung enthalten sein soll, so gereichen sie dem Angreifenden zu einem wahren Vorteil, denn ihre übernatürliche Ausdehnung widerspricht noch mehr als die unmittelbare Fluß- oder Gebirgsverteidigung allen Erfordernissen einer entscheidenden Schlacht. Eugens Linien von Denain 1712 sind wohl hierher zu zählen, denn ihr Verlust glich einer verlorenen Schlacht vollkommen, schwerlich aber hätte Villars in einer konzentrierten Stellung gegen Eugen diesen Sieg erfochten. Wo die Mittel zu einer entscheidenden Schlacht nicht im Angriff liegen, da sind selbst Linien respektiert, wenn sie nämlich von der feindlichen Hauptarmee besetzt sind, wie die von Stollhofen unter Ludwig von Baden im Jahre 1703 selbst von Villars respektiert wurden. Sind sie aber nur von einer untergeordneten Streitkraft besetzt, so kommt freilich alles auf die Stärke des Korps an, welches man zu ihrem Angriff verwenden kann. Der Widerstand ist dann meistens nicht groß, aber freilich das Resultat des Sieges auch selten viel wert.

Die Zirkumvallationslinien der Belagerer haben einen eigenen Charakter, wovon in dem Kapitel vom Angriff eines Kriegstheaters gesprochen werden soll.

Alle kordonartigen Aufstellungen, z.B. verstärkte Vorpostenlinien usw., haben immer das Eigentümliche, daß sie leicht zu sprengen sind; aber wenn es nicht geschieht, um weiter vorzudringen und eine Entscheidung daraus zu nehmen, so geben sie nur einen schwachen Erfolg, der meistens nicht der Mühe wert ist, die man darauf gewendet hat.

Dreizehntes Kapitel: Manövrieren

1. Schon im dreißigsten Kapitel des sechsten Buches ist dasselbe berührt. Es ist aber allerdings, obgleich dem Verteidiger und Angreifenden gemeinschaftlich, doch immer etwas mehr angreifender als verteidigender Natur, daher wir es hier näher charakterisieren wollen.

2. Das Manövrieren steht nicht der gewaltsamen Ausführung des Angriffs durch große Gefechte, sondern jeder solchen Ausführung des Angriffs entgegen, die unmittelbar aus den Mitteln desselben hervorgeht, wäre es auch eine Wirkung auf die feindlichen Verbindungslinien, auf den Rückzug, eine Diversion usw.

3. Halten wir uns an den Sprachgebrauch, so liegt in dem Begriff des Manövrierens eine Wirksamkeit, welche gewissermaßen aus nichts, d. h. aus dem Gleichgewicht, erst hervorgerufen wird durch die Fehler, welche man dem Feinde ablockt. Es sind die ersten Züge im Schachspiel. Es ist also ein Spiel gleichgewichtiger Kräfte, um eine glückliche Gelegenheit zu Erfolgen herbeizuführen und diese dann als eine Überlegenheit über den Gegner zu benutzen.

4. Diejenigen Interessen aber, welche teils als das Ziel, teils als die Stützpunkte des Handelns hierbei betrachtet werden müssen, sind hauptsächlich:

a) die Verpflegung, welche man dem Gegner abzuschneiden oder zu beschränken sucht;

b) die Vereinigung mit anderen Korps;

c) die Bedrohung anderer Verbindungen mit dem Innern des Landes oder mit anderen Armeen und Korps;

d) die Bedrohung des Rückzuges;

e) der Angriff einzelner Punkte mit überlegenen Kräften.

Diese fünf Interessen können sich in den allerkleinsten Einzelheiten der individuellen Lage festsetzen und diese dadurch zu dem Gegenstand werden, um den sich eine Zeitlang alles dreht. Eine Brücke, eine Straße, eine Schanze spielen dann oft die Hauptrolle. Es ist leicht in jedem Fall darzutun, daß nur die Beziehung, die sie zu einem der eben genannten Gegenstände haben, ihnen die Wichtigkeit gibt.

f) Das Resultat eines glücklichen Manövers ist dann für den Angreifenden oder vielmehr für den aktiven Teil, welches allerdings auch der Verteidigende sein kann, ein Stückchen Land, ein Magazin usw.

g) Bei dem strategischen Manöver kommen zwei Gegensätze vor, die das Ansehen verschiedener Manöver haben und auch wohl zu Ableitung falscher Maximen und Regeln gebraucht worden sind, wovon vier Glieder, aber im Grunde alle notwendige Bestandteile der Sache sind und als solche betrachtet werden müssen. Der erste Gegensatz ist das Umfassen und das Wirken auf inneren Linien, der zweite das Zusammenhalten der Kräfte und das Ausdehnen in vielen Posten.

h) Was den ersten Gegensatz betrifft, so kann man durchaus nicht sagen, daß eines der beiden Glieder vor dem anderen einen allgemeinen Vorzug verdiene; denn teils ist es natürlich, daß das Bestreben der einen Art die andere als sein natürliches Gegengewicht, als seine wahre Arznei hervorruft; teils ist das Umfassen dem Angriff, das Bleiben auf den inneren Linien aber der Verteidigung homogen, und es wird also meistens jenes dem Angreifenden, dieses dem Verteidiger mehr zusagen. Diejenige Form wird die Oberhand behalten, die am besten gehandhabt wird.

i) Die Glieder des anderen Gegensatzes lassen sich ebensowenig eines dem anderen unterordnen. Dem Stärkeren ist es verstattet, sich in mehreren Posten auszudehnen; dadurch wird er sich in vielen Rücksichten ein bequemes strategisches Dasein und Handeln verschaffen und die Kräfte seiner Truppen schonen. Der Schwächere muß sich mehr zusammenhalten und durch Bewegung den Schaden einzubringen suchen, der ihm sonst daraus erwachsen würde. Diese größere Beweglichkeit setzt einen höheren Grad von Fertigkeit in den Märschen voraus. Der Schwächere muß also seine physischen und moralischen Kräfte mehr anstrengen - ein letztes Resultat, was uns natürlich überall entgegentreten muß, wenn wir immer konsequent geblieben sind, und welches man daher gewissermaßen als die logische Probe des Räsonnements betrachten kann. Friedrich der Große gegen Daun im Jahr 1759 und 1760 und gegen Laudon 1761 und Montecuccoli gegen Turenne 1673 und 1675 haben immer für die kunstvollsten Ereignisse dieser Art gegolten, und aus ihnen haben wir hauptsächlich unsere Ansichten entnommen.

k) So wie die vier Glieder der gedachten beiden Gegensätze nicht zu falschen Maximen und Regeln gemißbraucht werden sollen, so müssen wir auch warnen, anderen allgemeinen Verhältnissen, z. B. der Basis, dem Terrain usw. eine Wichtigkeit und einen durchgreifenden Einfluß beizulegen, die sich in der Wirklichkeit nicht finden. Je kleiner die Interessen sind, um die es sich handelt, um so wichtiger werden die Einzelheiten des Ortes und des Augenblicks, um so mehr tritt das Allgemeine und Große zurück, welches in dem kleinen Kalkül gewissermaßen nicht Platz hat. Gibt es, allgemein betrachtet, eine widersinnigere Lage als die Turennes im Jahre 1675, als er mit dem Rücken dicht am Rhein in einer Ausdehnung von 3 Meilen stand und seine Rückzugsbrücke auf seinem äußersten rechten Flügel hatte? Gleichwohl erfüllten seine Maßregeln ihren Zweck, und es geschieht nicht mit Unrecht, daß ihnen ein hoher Grad von Kunst und Verständigkeit zugeschrieben wird. Man begreift aber diesen Erfolg und diese Kunst erst, wenn man mehr auf das einzelne achtet und es nach dem Wert würdigt, den es in dem individuellen Fall haben mußte.

l) Wir sind also überzeugt, daß es für das Manövrieren keine Art von Regeln gibt, daß keine Manier, kein allgemeiner Grundsatz den Wert des Handelns bestimmen kann, sondern daß überlegene Tätigkeit, Präzision, Ordnung, Gehorsam, Unerschrockenheit in den individuellsten und kleinsten Umständen die Mittel finden können, sich fühlbare Vorteile zu verschaffen, und daß also von jenen Eigenschaften hauptsächlich der Sieg in diesem Wettkampf abhängen wird.

Vierzehntes Kapitel: Angriff von Morästen, Überschwemmungen, Wäldern

Moräste, d. h. ungangbare Wiesen, die nur durch wenig Dämme durchschnitten sind, bieten dem taktischen Angriff eigene Schwierigkeiten dar, wie wir das schon bei der Verteidigung gesagt haben. Ihre Breite erlaubt nicht, den Feind durch Geschütz vom jenseitigen Ufer zu vertreiben und eigene Übergangsmittel zu konstruieren. Die strategische Folge ist, daß man ihren Angriff zu vermeiden und sie zu umgehen sucht. Wo die Kultur so groß ist, wie in manchen Niederungsstrichen, daß die Durchgänge zahllos werden, da ist der Widerstand des Verteidigers zwar relativ noch immer stark genug, aber für eine absolute Entscheidung auch um so schwächer und also ganz ungeeignet. - Dagegen wird, wenn die Niederung, wie in Holland, durch eine Überschwemmung gesteigert ist, der Widerstand bis zum absoluten wachsen können und dann jeder Angriff daran zuschanden werden. Holland hat es im Jahre 1672 gezeigt, wo nach Eroberung und Besetzung aller außerhalb der Überschwemmungslinie liegenden Festungen doch noch 50000 Mann französischer Truppen übrigblieben, die erst unter Condé und dann unter Luxemburg nicht imstande waren, die Überschwemmungslinie zu überwältigen, obgleich vielleicht nur 20000 Mann diese Linie verteidigten. Wenn der Feldzug der Preußen von 1787 unter dem Herzog von Braunschweig gegen die Holländer ein ganz entgegengesetztes Resultat zeigt, daß mit fast gar keiner Übermacht und sehr unbedeutendem Verlust diese Linien überwältigt wurden, so muß man die Ursache in dem durch politische Meinungen gespaltenen Zustande der Verteidiger und der fehlenden Einheit im Befehl suchen, und doch ist nichts ausgemachter, als daß das Gelingen des Feldzuges, d. h. das Vordringen durch die letzte Überschwemmungslinie bis vor die Mauern von Amsterdam auf einer so feinen Spitze ruhte, daß man unmöglich daraus eine Folgerung ziehen kann. Diese Spitze war das unbewachte Haarlemer Meer. Vermittelst desselben umging der Herzog die Verteidigungslinie und kam dem Posten von Amstelveen in den Rücken. Hätten die Holländer auf diesem Meer ein paar Schiffe gehabt, so wäre der Herzog niemals bis vor Amsterdam gekommen; denn er war au bout de son Latin. Welchen Einfluß dies auf den Friedensschluß gehabt hätte, geht uns hier nichts an, aber es ist dadurch ausgemacht, daß von einem Überwältigen der letzten Überschwemmungslinie nicht weiter die Rede sein konnte.

Der Winter ist freilich der natürliche Feind dieses Verteidigungsmittels, wie die Franzosen 1794 und 1795 gezeigt haben, aber es gehört ein strenger Winter dazu.

Wälder von geringer Zugänglichkeit haben wir gleichfalls zu den Mitteln gezählt, welche der Verteidigung einen kräftigen Beistand darbieten. Sie sind von geringer Tiefe, so kann der Angreifende auf ein paar nahe beieinander liegenden Wegen durchdringen und die bessere Gegend erreichen, denn die taktische Stärke der einzelnen Punkte wird nicht groß sein, weil ein Wald niemals so absolut undurchdringlich gedacht werden kann wie ein Fluß oder Morast. - Aber wenn, wie in Rußland und Polen, ein bedeutender Landstrich fast überall mit Wald bedeckt ist und die Kraft des Angreifenden ihn nicht darüber hinausführen kann, so wird allerdings seine Lage eine sehr beschwerliche sein. Man bedenke nur, mit wievielen Schwierigkeiten der Verpflegung er zu kämpfen hat, und wie wenig er imstande ist, im Dunkel der Wälder den überall gegenwärtigen Gegner seine Überlegenheit in der Zahl fühlen zu lassen. Gewiß gehört dies zu den schlimmsten Lagen, in die sich der Angriff begeben kann.

Fünfzehntes Kapitel: Angriff eines Kriegstheaters mit Entscheidung

Die meisten Gegenstände sind schon im sechsten Buche berührt und geben für den Angriff durch den bloßen Reflex das gehörige Licht.

Der Begriff eines geschlossenen Kriegstheaters hat ohnehin eine nähere Beziehung zur Verteidigung als zum Angriff. Manche Hauptpunkte, Gegenstand des Angriffs, Wirkungssphäre des Sieges, sind in diesem Buche schon abgehandelt, und das Durchgreifendste und Wesentlichste über die Natur des Angriffs wird sich beim Kriegsplan erst darstellen lassen; doch bleibt uns hier noch manches zu sagen, und wir wollen wieder mit dem Feldzug den Anfang machen, in welchem die Absicht einer großen Entscheidung vorhanden ist.

1. Das nächste Ziel des Angriffs ist ein Sieg. Alle Vorteile, welche der Verteidiger in der Natur seiner Lage findet, kann der Angreifende nur durch Überlegenheit gutmachen und allenfalls durch den mäßigen Vorzug, welchen das Gefühl, der Angreifende und Vorschreitende zu sein, dem Heere gibt. Meistens wird dies letztere sehr überschätzt, denn es dauert nicht lange und hält gegen reellere Schwierigkeiten nicht Stich. Es versteht sich, daß wir hierbei voraussetzen, daß der Verteidiger ebenso fehlerfrei und angemessen verfahre wie der Angreifende. Wir wollen mit dieser Bemerkung die dunklen Ideen von Überfall und Überraschung entfernen, welche man sich beim Angriff gewöhnlich als reichliche Siegesquellen denkt, und die doch ohne besondere individuelle Umstände nicht eintreten. Wie es mit dem eigentlichen strategischen Überfall ist, haben wir schon an einem anderen Ort gesagt. - Fehlt also dem Angriff die physische Überlegenheit, so muß eine moralische da sein, um die Nachteile der Form aufzuwiegen, und wo auch diese fehlt, ist der Angriff nicht motiviert und wird nicht glücklich sein.

2. So wie Vorsicht der eigentliche Genius der Verteidigung ist, so ist es Kühnheit und Zuversicht beim Angreifenden; nicht daß die entgegengesetzten Eigenschaften beiden fehlen dürften, sondern es stehen die ihnen zur Seite in einer stärkeren Affinität damit. Alle diese Eigenschaften sind ja überhaupt nur nötig, weil das Handeln kein mathematisches Konstruieren ist, sondern eine Tätigkeit in dunklen oder höchstens dämmernden Regionen, wo man sich demjenigen Führer anvertrauen muß, der sich am meisten für unser Ziel eignet. - Je moralisch schwächer sich der Verteidiger zeigt, um so dreister muß der Angreifende werden.

3. Zum Sieg gehört das Treffen der feindlichen Hauptmacht mit der eigenen. Dies hat beim Angriff weniger Zweifel als bei der Verteidigung, denn der Angreifende sucht den Verteidiger, welcher ja gewöhnlich schon steht, in seiner Stellung auf. Allein wir haben behauptet (bei der Verteidigung), er solle ihn, wenn der Verteidiger sich falsch gestellt hat, nicht aufsuchen, weil er sicher sein könne, daß dieser ihn aufsuchen würde und er dann den Vorteil hätte, ihn unvorbereitet zu treffen. Es kommt hierbei alles auf die wichtigste Straße und Richtung an, und diesen Punkt haben wir bei der Verteidigung unerörtert gelassen und auf dieses Kapitel verwiesen. Wir wollen also hier das Nötige darüber sagen.

4. Welches die näheren Gegenstände des Angriffs und also die Zwecke des Sieges sein können, haben wir schon früher gesagt; liegen nun diese innerhalb des Kriegstheaters, welches angegriffen wird und innerhalb der wahrscheinlichen Siegessphäre, so sind die Wege dahin die natürlichen Richtungen des Stoßes. Aber wir müssen nicht vergessen, daß der Gegenstand des Angriffs gewöhnlich erst seine Bedeutung mit dem Siege erhält, daß der Sieg also immer in Verbindung damit gedacht werden muß; es kommt also dem Angreifenden nicht so sehr darauf an, den Gegenstand bloß zu erreichen, sondern als Sieger, und so wird denn die Richtung seines Stoßes nicht sowohl auf den Gegenstand selbst, als auf den Weg treffen müssen, den das feindliche Heer dahin zu nehmen hat. Dieser Weg ist uns das nächste Objekt. Die feindliche Armee zu treffen, ehe sie jenen Gegenstand erreicht, sie davon abzuschneiden und in dieser Lage zu schlagen, gibt den potenzierten Sieg. - Wäre also die feindliche Hauptstadt das Hauptobjekt des Angriffs, und der Verteidiger hätte sich nicht zwischen ihr und dem Angreifenden aufgestellt, so hätte dieser unrecht, gerade auf die Hauptstadt loszugehen, sondern er tut besser, auf die Verbindung zwischen der feindlichen Armee und der Hauptstadt seine Richtung zu nehmen und dort den Sieg zu suchen, der ihn dahin bringen soll.

Liegt in der Siegessphäre des Angriffs kein großes Objekt, so ist die Verbindung der feindlichen Armee mit dem nächsten großen Objekt der Punkt, welcher die vorherrschende Wichtigkeit hat. Es wird sich also jeder Angreifende fragen: wenn ich in der Schlacht glücklich bin, was fange ich mit dem Siege an? Das Eroberungsobjekt, worauf ihn dieses führt, ist dann die natürliche Richtung des Stoßes. Hat der Verteidiger sich in dieser Richtung aufgestellt, so ist er im Recht, und es bleibt nichts übrig, als ihn da aufzusuchen. Wäre seine Stellung zu stark, so müßte der Angreifende das Vorbeigehen versuchen, d. h. aus der Not eine Tugend machen. Ist der Verteidiger aber nicht auf der rechten Stelle, so wählt der Angreifende diese Richtung und wendet sich, sobald er in die Höhe des Verteidigers kommt und dieser sich unterdes nicht seitwärts vorgeschoben hat, in die Richtung seiner Verbindungslinie mit dem Gegenstand, um die feindliche Armee dort aufzusuchen; wäre sie ganz stehengeblieben, so würde der Angreifende gegen dieselbe umkehren müssen, um sie von hinten anzugreifen.

Unter allen Wegen, deren Wahl der Angreifende zum Objekt hat, sind die großen Handelsstraßen immer die besten und natürlichsten. Wo sie eine zu starke Biegung machen, muß man freilich für diese Stellen die geraderen, wenn auch kleineren Wege wählen, denn eine von der geraden Linie stark abweichende Rückzugsstraße hat immer große Bedenklichkeiten.

5. Zu einer Teilung der Macht hat der Angreifende, der auf eine große Entscheidung ausgeht, durchaus keine Ursache, und es ist meistens, wenn es dennoch geschieht, als ein Fehler der Unklarheit zu betrachten. Er soll also mit seinen Kolonnen nur in solcher Breite vorrücken, daß alle zugleich schlagen können. Hat der Feind selbst seine Macht geteilt, so wird das dem Angreifenden um so mehr zum Vorteil gereichen, nur können dabei freilich kleine Demonstrationen vorkommen, die gewissermaßen die strategischen fausses attaques sind und die Bestimmung haben, jene Vorteile festzuhalten; die dadurch veranlaßte Teilung der Macht wäre dann gerechtfertigt.

Die ohnehin notwendige Teilung in mehrere Kolonnen muß zur umfassenden Anordnung des taktischen Angriffs benutzt werden, denn diese Form ist dem Angriff natürlich und darf nicht ohne Not versäumt werden. Aber sie muß taktischer Natur bleiben, denn ein strategisches Umfassen, während ein großer Schlag geschieht, ist vollkommene Kraftverschwendung. Es wäre also nur zu entschuldigen, wenn der Angreifende so stark wäre, daß der Erfolg gar nicht als zweifelhaft betrachtet werden könnte.

6. Aber auch der Angriff hat seine Vorsicht, denn der Angreifende hat auch einen Rücken, hat Verbindungen, die gesichert werden müssen. Diese Sicherung muß aber womöglich durch die Art geschehen, wie er sich vorbewegt, d. h. also eo ipso durch die Armee selbst. Wenn dazu besondere Kräfte bestimmt werden müssen, also eine Teilung der Kräfte hervorgerufen wird, so kann dies natürlich der Kraft des Stoßes selbst nur schaden. - Da eine beträchtliche Armee immer in der Breite von wenigstens einem Marsch vorzurücken pflegt, so wird, wenn die Rückzugsverbindungslinien nicht zu sehr von der senkrechten abweichen, die Deckung derselben meistens schon durch die Fronte der Armee erreicht.

Die Gefahren dieser Art, welchen der Angreifende ausgesetzt ist, müssen hauptsächlich nach der Lage und dem Charakter des Gegners abgemessen werden. Wo alles unter dem Atmosphärendruck einer großen Entscheidung ruht, bleibt dem Verteidiger für Unternehmungen dieser Art wenig Spielraum; der Angreifende wird also in den gewöhnlichen Fällen nicht viel zu fürchten haben. Aber wenn das Vorschreiten vorüber ist, der Angreifende nach und nach selbst in den Zustand der Verteidigung mehr und mehr übergeht, dann wird die Deckung des Rückens immer notwendiger, immer mehr eine Hauptsache. Denn da der Rücken eines Angreifenden der Natur der Sache nach schwächer ist als der des Verteidigers, so kann dieser schon lange vorher, ehe er zum wirklichen Angriff übergeht, und sogar indem er selbst noch immer Land einräumt, angefangen haben, auf die Verbindungslinien des Angreifenden zu wirken.

Sechzehntes Kapitel: Angriff eines Kriegstheaters ohne Entscheidung

1. Wenn auch der Wille und die Kraft nicht zu einer großen Entscheidung hinreichen, so kann doch noch die bestimmte Absicht eines strategischen Angriffs vorhanden sein, auf irgendein geringes Objekt gerichtet. Gelingt der Angriff, so kommt mit der Erreichung dieses Objektes das Ganze in Ruhe und Gleichgewicht. Finden sich einigermaßen Schwierigkeiten, so tritt der Stillstand des allgemeinen Fortschreitens schon vorher ein. Nun tritt eine bloße Gelegenheitsoffensive oder auch ein strategisches Manövrieren an die Stelle. Dies ist der Charakter der meisten Feldzüge.

2. Die Gegenstände, welche das Ziel einer solchen Offensive ausmachen, sind:

a) Ein Landstrich. Vorteile der Verpflegung, allenfalls auch Kontributionen, Schonung des Landes, Äquivalent beim Frieden sind die Vorteile, welche daraus fließen. Zuweilen knüpft sich auch der Begriff der Waffenehre daran, wie in den Feldzügen der französischen Feldherren unter Ludwig XIV, unaufhörlich vorkommt. Einen sehr wesentlichen Unterschied macht es, ob der Landstrich behauptet werden kann oder nicht. Das erstere ist gewöhnlich nur der Fall, wenn er sich an das eigene Kriegstheater anschließt und ein natürliches Komplement desselben ausmacht. Nur solche können beim Frieden als Äquivalent in Betrachtung kommen, die anderen sind gewöhnlich nur für die Dauer eines Feldzuges eingenommen und sollen im Winter verlassen werden.

b) Ein bedeutendes feindliches Magazin. Wenn es nicht bedeutend ist, so kann es auch nicht wohl als der Gegenstand einer den ganzen Feldzug bestimmenden Offensive angesehen werden. Es bringt zwar an und für sich dem Verteidiger Verlust und dem Angreifenden Gewinn, indessen ist der Hauptvorteil des letzteren dabei doch, daß der Verteidiger dadurch genötigt wird, ein Stück zurückzugehen und einen Landstrich aufzugeben, den er sonst gehalten hätte. Die Eroberung des Magazins ist also eigentlich mehr das Mittel und wird hier nur als Zweck angeführt, weil sie das nächste bestimmte Ziel des Handelns wird.

c) Die Eroberung einer Festung. Wir haben von der Eroberung der Festungen ein eigenes Kapitel handeln lassen und verweisen darauf zurück. Aus den daselbst entwickelten Gründen ist es begreiflich, wie die Festungen immer den vorzüglichsten und erwünschtesten Gegenstand derjenigen Angriffskriege und Feldzüge ausmachen, die auf ein völliges Niederwerfen des Gegners oder auf die Eroberung eines bedeutenden Teiles seines Landes ihre Absicht nicht richten können; und so ist es denn leicht erklärlich, wie in den festungsreichen Niederlanden sich alles immer um die Besetzung der einen oder der anderen Festung drehte, und zwar so, daß meistens dabei die Sukzessiveroberung der ganzen Provinz nicht einmal als Hauptlineament durchschien, sondern daß jede Festung wie eine diskrete Größe betrachtet wurde, die an sich etwas wert wäre, und bei der wohl mehr auf die Bequemlichkeit und Leichtigkeit des Unternehmens als auf den Wert des Platzes gesehen wurde.

Indessen ist eine Belagerung eines nicht ganz unbedeutenden Platzes immer ein bedeutendes Unternehmen, weil es große Geldausgaben verursacht, und bei Kriegen, wo sichs nicht immer um das Ganze handelt, diese sehr berücksichtigt werden müssen. Daher gehört eine solche Belagerung hier schon zu den bedeutenden Gegenständen eines strategischen Angriffs. Je unbedeutender der Platz ist, oder je weniger es mit der Belagerung ernst ist, je weniger Vorbereitungen dazu getroffen sind, je mehr alles en passant gemacht werden soll, um so kleiner wird dies strategische Ziel, um so angemessener ganz schwachen Kräften und Absichten, und oft sinkt dann das Ganze zu einer bloßen Spiegelfechterei hinab, um den Feldzug mit Ehren hinzubringen, weil man als Angreifender doch irgend etwas tun will.

d) Ein vorteilhaftes Gefecht, Treffen oder gar eine Schlacht um der Trophäen oder gar um der bloßen Waffenehre willen und zuweilen auch aus bloßem Ehrgeiz des Feldherrn; daß dies vorkommt, könnte nur der bezweifeln, der gar keine Kriegsgeschichte wüßte. In den Feldzügen der Franzosen zur Zeit Ludwig XIV. sind die meisten Offensivschlachten von der Art. Aber notwendiger ist es, zu bemerken, daß diese Dinge nicht ohne objektives Gewicht, nicht bloßes Spiel der Eitelkeit sind; sie sind von einem sehr bestimmten Einfluß auf den Frieden, führen also ziemlich direkt ans Ziel. Die Waffenehre, das moralische Übergewicht des Heeres und des Feldherrn sind Dinge, die unsichtbar wirken, aber den ganzen kriegerischen Akt unaufhörlich durchdringen.

Das Ziel eines solchen Gefechts setzt freilich voraus: a) daß man eine ziemliche Aussicht zum Siege habe, b) daß man bei dem Verlust des Gefechts nicht zu viel auf das Spiel setze. - Mit einer solchen Schlacht, die man in beengten Verhältnissen und mit beschränktem Ziel liefert, muß man natürlich nicht Siege verwechseln, die bloß aus moralischer Schwäche unbenutzt geblieben sind.

3. Mit Ausnahme des letzten dieser Gegenstände (d) lassen sich alle ohne bedeutendes Gefecht erreichen, und gewöhnlich werden sie vom Angreifenden ohne ein solches erstrebt. Die Mittel nun, welche ohne entscheidendes Gefecht dem Angreifenden zu Gebot stehen, liegen in allen den Interessen, welche der Verteidiger in seinem Kriegstheater hat: das Bedrohen seiner Verbindungslinien, sei es mit Gegenständen des Unterhaltes wie Magazinen, fruchtbaren Provinzen, Wasserstraßen usw., oder mit anderen Korps oder mit mächtigen Punkten wie Brücken, Pässen usw.; das Einnehmen starker Stellungen, aus denen er uns nicht wieder vertreiben kann, und die ihm unbequem liegen; die Einnahme bedeutender Städte, fruchtbarer Landstriche, unruhiger Gegenden, die zur Rebellion verführt werden könnten; das Bedrohen schwacher Verbündeten usw.. Indem der Angriff jene Verbindungen wirklich unterbricht, und zwar auf eine solche Weise, daß der Verteidiger sie sich nicht ohne bedeutende Opfer wieder öffnen kann, indem er jene Punkte einzunehmen sich anschickt, nötigt er den Verteidiger, eine andere Stellung mehr rückwärts oder seitwärts zu nehmen, um jene Objekte zu decken und lieber geringere aufzugeben. So wird denn ein Landstrich frei, ein Magazin, eine Festung entblößt; jenes der Eroberung, diese der Belagerung preisgegeben. Dabei können kleinere und größere Gefechte vorkommen, aber sie werden dann nicht gesucht und als Zweck behandelt, sondern als ein notwendiges Übel und können einen gewissen Grad der Größe und Wichtigkeit nicht überschreiten.

4. Die Einwirkung des Verteidigers auf die Verbindungslinie des Angreifenden ist eine Reaktionsart, die in den Kriegen mit großer Entscheidung nur dann vorkommen kann, wenn die Operationslinien sehr groß werden, dagegen ist diese Reaktionsart bei Kriegen ohne große Entscheidung mehr in der Natur der Sache. Die Verbindungslinien des Gegners werden zwar hier selten sehr lang sein, aber es kommt auch hier nicht darauf an, dem Gegner so große Verluste der Art beizubringen, eine bloße Belästigung und Verkürzung seines Unterhaltes tut oft schon Wirkung, und was den Linien an Länge fehlt, ersetzt einigermaßen die Länge der Zeit, welche man auf diese Bekämpfung des Gegners verwenden kann; darum wird also die Deckung seiner strategischen Flanken ein wichtiger Gegenstand des Angreifenden. Wenn also zwischen dem Angreifenden und dem Verteidiger ein Kampf der Art entsteht, ein Überbieten, so muß der Angreifende seine natürlichen Nachteile durch seine Überlegenheit gutmachen. Bleibt dem ersteren noch soviel Vermögen und Entschluß, einmal einen bedeutenden Streich gegen ein feindliches Korps oder die feindliche Hauptarmee selbst zu wagen, so wird er sich durch diese Gefahr, die er über seinem Gegner schweben läßt, noch am besten decken können.

5. Schließlich müssen wir noch eines bedeutenden Vorteils gedenken, den in Kriegen dieser Art der Angreifende allerdings über seinen Gegner hat, nämlich ihn seiner Absicht und seinem Vermögen nach besser beurteilen zu können, als dies umgekehrt der Fall ist. In welchem Grade ein Angreifender unternehmend und dreist sein wird, ist viel schwerer vorherzusehen, als ob der Verteidiger etwas Großes im Sinn führt. Gewöhnlich liegt, praktisch genommen, schon in der Wahl dieser Kriegsform eine Garantie, daß man nichts Positives wolle; außerdem sind die Anstalten zu einer großen Reaktion von den gewöhnlichen Verteidigungsanstalten viel verschiedener als die Anstalten des Angriffs bei größeren oder geringeren Absichten; endlich ist der Verteidiger genötigt, seine Maßregeln früher zu nehmen und der Angreifende in dem Vorteil der Hinterhand.

Siebzehntes Kapitel: Angriff von Festungen

Der Angriff von Festungen kann uns natürlich nicht von der Seite der fortifikatorischen Arbeiten hier beschäftigen, sondern erstens in Beziehung auf den damit verbundenen strategischen Zweck, zweitens auf die Wahl unter mehreren Festungen, drittens auf die Art, die Belagerung zu decken.

Daß der Verlust einer Festung die feindliche Verteidigung schwächt, besonders dann, wenn sie ein wesentliches Stück derselben ausgemacht hat, daß dem Angreifenden aus ihrem Besitz große Bequemlichkeiten entspringen, indem er sie zu Magazinen und Depots gebrauchen, Landstriche und Quartiere dadurch decken kann usw., daß sie, wenn sein Angriff zuletzt in die Verteidigung übergehen sollte, die stärksten Stützen dieser Verteidigung werden: alle diese Beziehungen, welche die Festungen zu den Kriegstheatern in dem Fortgang des Krieges haben, lassen sich hinreichend aus dem erkennen, was wir im Buch von der Verteidigung über die Festungen gesagt haben, der Reflex davon wird das nötige Licht über den Angriff verbreiten.

Auch in Beziehung auf die Eroberung fester Plätze findet ein großer Unterschied zwischen den Feldzügen mit einer großen Entscheidung und den anderen statt. Dort ist diese Eroberung immer als ein notwendiges Übel anzusehen. Man belagert nur, was man schlechterdings nicht unbelagert lassen kann, solange man nämlich noch etwas zu entscheiden hat. Nur wenn die Entscheidung ganz gegeben, die Krise, die Spannung der Kräfte auf geraume Zeit vorüber und also ein Zustand der Ruhe eingetreten ist, dann dient die Eroberung der festen Plätze als eine Konsolidierung der gemachten Eroberung, und dann kann sie meistens, zwar nicht ohne Anstrengung und Kraftaufwand, aber doch ohne Gefahr ausgeführt werden. In der Krise selbst ist die Belagerung einer Festung eine hohe Steigerung derselben zum Nachteil des Angreifenden; es ist augenscheinlich, daß nichts so sehr seine Kräfte schwächt und also nichts so gemacht ist, ihm auf eine Zeitlang sein Übergewicht zu rauben. Aber es gibt Fälle, wo die Eroberung einer oder der anderen Festung ganz unerläßlich ist, wenn der Angriff überhaupt fortschreiten soll, und in diesen ist das Belagern als ein intensives Fortschreiten des Angriffs zu betrachten; die Krise wird dann um so größer, je weniger vorher schon entschieden ist. Was über diesen Gegenstand noch in Betrachtung zu ziehen ist, gehört in das Buch vom Kriegsplan.

In den Feldzügen mit einem beschränkten Ziel ist die Festung gewöhnlich nicht das Mittel, sondern der Zweck selbst; sie wird als eine selbständige kleine Eroberung angesehen, und als solche hat sie folgende Vorzüge vor jeder anderen:

1. daß die Festung eine kleine, sehr bestimmt begrenzte Eroberung ist, die nicht zu einer größeren Kraftanstrengung nötigt und also keinen Rückschlag befürchten läßt;

2. daß sie beim Frieden als Äquivalent so gut geltend zu machen ist;

3. daß die Belagerung ein intensives Fortschreiten des Angriffs ist oder wenigstens so aussieht, ohne daß die Schwächung der Kräfte dabei immer zunehme, wie das jedes andere Vorschreiten im Angriff mit sich bringt;

4. daß die Belagerung ein Unternehmen ohne Katastrophe ist.

Alle diese Dinge machen, daß die Eroberung eines oder mehrerer feindlicher Plätze sehr gewöhnlich ein Gegenstand derjenigen strategischen Angriffe ist, die sich kein größeres Ziel vorsetzen können.

Die Gründe, welche bei der Wahl der Festung, welche belagert werden soll, bestimmen, im Fall diese überhaupt zweifelhaft sein kann, sind:

a) daß sie bequem zu behalten sei, also als Äquivalent beim Frieden recht hoch stehe.

b) Die Mittel der Eroberung. Geringe Mittel lassen nur kleine Festungen zu, und es ist besser, daß man eine kleine wirklich einnimmt, als vor einer großen scheitert.

c) Die fortifikatorische Stärke. Sie steht ja offenbar nicht immer mit der Wichtigkeit in Verhältnis; nichts wäre törichter, als vor einem sehr festen Platz von geringer Wichtigkeit seine Kräfte zu verschwenden, wenn man einen weniger starken zum Gegenstand seines Angriffs machen kann.

d) Die Stärke der Ausrüstung, also auch der Besatzung. Ist die Festung schwach besetzt und ausgerüstet, so ist ihre Eroberung natürlich leichter; aber es ist hierbei zu bemerken, daß die Stärke der Besatzung und Ausrüstung zugleich zu denjenigen Dingen gezählt werden muß, die die Wichtigkeit des Platzes mitbestimmen, weil Besatzung und Ausrüstung unmittelbar zu den Streitkräften des Feindes gehören, welches nicht in dem Maße mit den Fortifikationswerken der Fall ist. Die Eroberung einer Festung mit starker Besatzung kann also die Opfer, welche sie kostet, viel eher lohnen als die einer mit besonders starken Werken.

e) Die Leichtigkeit der Belagerungstransporte. Die meisten Belagerungen scheitern aus Mangel an Mitteln, und diese fehlen meistens wegen der Schwierigkeit des Transportes. Eugens Belagerung von Landrecies 1712 und Friedrichs des Großen Belagerung von Olmütz 1758 sind die hervorstechendsten Beispiele.

f) Endlich ist die Leichtigkeit der Deckung noch als ein Punkt zu betrachten.

Es gibt zwei wesentlich verschiedene Arten, die Belagerung zu decken: durch Verschanzung der Belagerungsarmee, also durch eine Zirkumvallationslinie, und durch eine sogenannte Observationslinie. Die ersteren sind ganz aus der Mode gekommen, obgleich offenbar eine Hauptsache für sie spricht: daß nämlich auf diese Art die Macht des Angreifenden diejenige Schwächung durch Teilung eigentlich gar nicht erfährt, die ein großer Nachteil des Belagerers überhaupt ist. Aber freilich findet die Schwächung auf eine andere Weise doch in einem sehr merklichen Grade statt.

1. Die Stellung um die Festung herum erfordert in der Regel eine zu große Ausdehnung für die Stärke des Heeres.

2. Die Besatzung, welche, ihre Stärke noch zur feindlichen Entsatzarmee hinzugefügt, nichts geben würde als die Macht, welche ursprünglich der unserigen entgegenstand, ist unter diesen Umständen als ein feindliches Korps mitten in unserem Lager zu betrachten, welches aber, durch seine Wälle geschützt, unverwundbar oder wenigstens nicht zu überwältigen ist, wodurch seine Wirksamkeit sehr erhöht wird.

3. Die Verteidigung einer Zirkumvallationslinie läßt nichts als die absoluteste Defension zu, weil die ungünstigste und schwächste aller möglichen Aufstellungsformen in einem Kreise mit der Fronte nach außen allen vorteilhaften Anfällen auf das äußerste widerstrebt. Es bleibt also nichts übrig, als sich in seinen Verschanzungen aufs äußerste zu wehren. Daß diese Umstände eine viel größere Schwächung der Verteidigung herbeiführen können als die Verminderung des Heeres um ein Drittel seiner Streiter, welche vielleicht bei einer Observationsarmee stattfinden würde, ist leicht begreiflich. Bedenkt man nun noch die allgemeine Vorliebe, die man seit Friedrich dem Großen für die sogenannte Offensive (es ist eigentlich nicht immer eine solche), für Bewegungen und Manövrieren hat, und den Widerwillen gegen Schanzen, so wird man sich nicht wundern, wenn die Zirkumvallationslinien ganz außer Mode gekommen sind. Aber jene Schwächung des taktischen Widerstandes ist keineswegs der einzige Nachteil derselben, und wir haben nur die Vorurteile, die sich auch hineindrängen, gleich neben jenem Nachteil aufgezählt, weil sie ihm zunächst verwandt sind. Eine Zirkumvallationslinie deckt vom ganzen Kriegstheater im Grunde nur den Raum, den sie einschließt, alles übrige ist dem Feinde mehr oder weniger preisgegeben, wenn nicht besondere Detachements zur Deckung bestimmt werden, woraus aber eine Teilung der Kräfte entstehen würde, die man doch vermeiden will. Also wird der Belagernde schon wegen der zur Belagerung nötigen Zufuhren immer in Besorgnis und Verlegenheit sein, und es ist überhaupt eine Deckung derselben durch Zirkumvallationslinien, wenn die Armee und die Belagerungsbedürfnisse einigermaßen beträchtlich sind, und wenn der Feind mit einer namhaften Macht im Felde ist, nicht anders denkbar als unter Verhältnissen wie die in den Niederlanden, wo ein ganzes System nahe beieinander liegender Festungen und dazwischen angelegter Linien die übrigen Teile des Kriegstheaters deckt und die Zufuhrlinien in einem hohen Grade abkürzt. In der Zeit vor Ludwig XIV. war mit der Aufstellung einer Streitkraft noch nicht der Begriff eines Kriegstheaters verbunden. Namentlich zogen die Armeen im Dreißigjährigen Kriege sporadisch hin und her, vor dieser oder jener Festung, in deren Nähe sich nicht gerade ein feindliches Korps befand, und belagerten so lange, wie die mitgebrachten Belagerungsmittel zureichten, und bis eine feindliche Armee sich zum Ersatz näherte. Da waren die Zirkumvallationslinien in der Natur der Sache.

In der Folge werden sie wohl nur in wenigen Fällen wieder gebraucht werden können, wenn nämlich die Verhältnisse ähnlicher Art sind; wenn der Feind im Felde ganz schwach ist, wenn der Begriff des Kriegstheaters gegen den der Belagerung selbst gewissermaßen verschwindet, dann wird es natürlich sein, seine Kräfte bei der Belagerung selbst vereinigt zu behalten, weil diese dadurch unstreitig in einem hohen Grade an Energie gewinnt.

Die Zirkumvallationslinien unter Ludwig XIV. bei Cambrai und Valenciennes haben wenig geleistet, als jene von Turenne gegen Condé, und diese von Condé gegen Turenne gestürmt wurden; aber man darf auch nicht übersehen, in wie unendlich vielen anderen Fällen sie respektiert worden sind, selbst dann, wenn die dringendste Aufforderung zum Entsatz vorhanden und der Feldherr des Verteidigers ein sehr unternehmender Mann war wie 1708, als Villars es nicht wagte, die Verbündeten in ihren Linien vor Lille anzugreifen. Auch Friedrich der Große bei Olmütz 1758 und bei Dresden 1760 hatte, obgleich keine eigentliche Zirkumvallationslinie, doch ein System, das im wesentlichen damit zusammenfiel, er belagerte und deckte mit derselben Armee. Die Entfernung der österreichischen Armee bei Olmütz verleitete ihn dazu, aber die Verluste seiner Transporte bei Domstadtl ließen es ihn bereuen; 1760 bei Dresden wurde dies Verfahren durch die Geringschätzung, welche er für die Reichsarmee hatte, und durch die Eile, mit welcher er Dresden einnehmen wollte, motiviert.

Endlich ist es ein Nachteil der Zirkumvallationslinien, daß das Belagerungsgeschütz im unglücklichen Fall schwerer zu retten ist. Wird die Entscheidung einen oder ein paar Tagemärsche von dem belagerten Orte gegeben, so kann die Aufhebung erfolgen, ehe der Feind ankommt, und man gewinnt mit dem großen Transport auch wohl einen Vorsprung von einem Marsch.

Bei Aufstellung der Observationsarmee kommt vorzüglich die Frage in Betrachtung: in welcher Entfernung von der Belagerung? Diese Frage wird sich in den meisten Fällen durch das Terrain beantworten oder durch die Stellung anderer Armeen und Korps, mit welchen die Belagerungsarmee in Verbindung bleiben will. Sonst ist leicht einzusehen, daß die größere Entfernung die Belagerung besser deckt, aber die kleinere, welche nicht über einige Meilen beträgt, auch leichter erlaubt, daß beide Armeen sich unterstützen.

Achtzehntes Kapitel: Angriff von Transporten

Der Angriff und die Verteidigung eines Transportes sind ein Gegenstand der Taktik; wir würden also hier gar nichts darüber zu sagen haben, wenn nicht der Gegenstand überhaupt gewissermaßen erst als möglich nachgewiesen werden müßte, welches nur aus strategischen Gründen und Verhältnissen geschehen kann. Schon bei der Verteidigung hätten wir in dieser Beziehung davon zu reden gehabt, wenn nicht das wenige, was darüber zu sagen ist, sich füglich für Angriff und Verteidigung zusammenfassen ließe, und der erstere dabei der Sache die Hauptwichtigkeit gibt.

Ein mäßiger Transport von 3 bis 400 Wagen, sie mögen nun geladen haben, was sie wollen, nimmt eine halbe Meile ein, ein bedeutender mehrere Meilen. Wie ist nun daran zu denken, eine solche Entfernung mit so wenig Truppen zu decken, als gewöhnlich zur Begleitung bestimmt sind? Nimmt man zu dieser Schwierigkeit die Unbeweglichkeit dieser Masse, die nur im langsamen Schritt fortkriecht, und wobei doch immer die Gefahr der Verwirrung zu befürchten ist, endlich, daß es dabei auf eine partielle Deckung eines jeden Teiles ankommt, weil sogleich alles stockt und in Verwirrung gerät, sobald ein Teil vom Feinde erreicht wird, so kann man sich mit Recht fragen, wie ist die Deckung und Verteidigung eines solchen Dinges überhaupt möglich? - oder mit anderen Worten: warum werden nicht alle genommen, die angegriffen werden, und warum werden nicht alle angegriffen, die überhaupt gedeckt werden müssen, d. i. die dem Feinde zugänglich sind? Es ist offenbar, daß alle taktischen Auskunftsmittel, wie die höchst unpraktische Verkürzung durch beständiges Auf- und Abmarschieren, die Tempelhoff vorschlägt, oder wie die viel bessere durch Teilung in mehrere Kolonnen, zu der Scharnhorst rät, nur schwache Hilfe gegen das Grundübel sind.

Der Aufschluß liegt darin, daß bei weitem die meisten Transporte schon durch ihr strategisches Verhältnis eine allgemeine Sicherung genießen, die sie vor jedem anderen dem feindlichen Angriff bloßgestellten Teile voraushaben, und die ihren geringen Verteidigungsmitteln eine viel größere Wirksamkeit gibt. Sie finden nämlich immer mehr oder weniger im Rücken des eigenen Heeres oder wenigstens in großer Entfernung vom feindlichen statt. Die Folge ist, daß nur schwache Haufen zu ihrem Angriff abgesendet werden können, und daß diese schwachen genötigt sind, sich durch starke Reserven zu decken, um nicht Flanken und Rücken durch einen herbeieilenden anderweitigen Feind zu verlieren. Nimmt man hierzu, daß eben die Unbehilflichkeit solcher Fuhrwerke es sehr schwer macht, sie fortzuschaffen, daß der Angreifende sich meistens begnügen muß, die Stränge abzuhauen, die Pferde wegzuführen, Pulverkarren in die Luft zu sprengen usw., wodurch das Ganze aufgehalten und desorganisiert wird, aber doch nicht wirklich verloren geht, so sieht man noch mehr ein, wie die Sicherheit eines solchen Transportes mehr in diesen allgemeinen Verhältnissen als in dem Widerstand seiner Bedeckung liegt. Kommt nun dieser Widerstand der Bedeckung hinzu, welcher durch entschlossenes Draufgehen zwar nicht seinen Transport unmittelbar schützen, aber das System des feindlichen Angriffs stören kann, so erscheint zuletzt der Angriff der Transporte, anstatt leicht und unfehlbar zu sein, als ziemlich schwierig und in seinen Folgen ungewiß.

Aber ein Hauptpunkt bleibt noch übrig: es ist die Gefahr, daß die feindliche Armee oder ein Korps derselben an dem Angreifenden Rache nimmt und ihn durch eine Niederlage für das Unternehmen hinterher bestraft. Diese Besorgnis hält eine Menge Unternehmungen zurück, ohne daß die Ursache ans Licht tritt, so daß man die Sicherheit in der Bedeckung sucht und sich nicht genug wundern kann, wie eine so bemitleidenswerte Verfassung, wie die einer Bedeckung ist, solche Ehrfurcht einflößen kann. Um die Wahrheit dieser Bemerkung zu fühlen, denke man an den berühmten Rückzug, welchen Friedrich der Große 1758 nach der Belagerung von Olmütz durch Böhmen machte, wo die Hälfte seiner Armee in Pelotons aufgelöst war, um einen aus 4000 Fuhrwerken bestehenden Train zu decken. Was hinderte Daun, dieses Unding anzufallen? Die Furcht, daß ihm Friedrich der Große mit der anderen Hälfte auf den Leib rücken und ihn in eine Schlacht verwickeln würde, die Daun nicht suchte. Was hinderte Laudon, in Zischbowitz den Transport, dem er immer zur Seite war, früher und dreister anzufallen als er tat? Die Furcht, etwas auf die Finger zu bekommen. Zehn Meilen von seiner Hauptarmee entfernt und durch die preußische Armee ganz von ihr getrennt, glaubte er sich in Gefahr einer tüchtigen Niederlage, wenn der durch Daun auf keine Weise beschäftigte König den größeren Teil seiner Kräfte gegen ihn richtete.

Nur wenn die strategische Lage eines Heeres dasselbe in die widernatürliche Notwendigkeit verwickelt, seine Transporte ganz seitwärts oder gar von vornher zu beziehen, dann werden diese Transporte in wirklich großer Gefahr sein und folglich ein vorteilhaftes Objekt des Angriffs für den Gegner werden, wenn ihm seine Lage erlaubt, Kräfte dazu abzusenden. Derselbe Feldzug zeigt in dem aufgehobenen Transport von Domstadtl den vollkommensten Erfolg eines solchen Unternehmens. Die Straße nach Neiße lag in der linken Seite der preußischen Aufstellung, und des Königs Kräfte waren durch die Belagerung und das gegen Daun aufgestellte Korps so neutralisiert, daß die Parteigänger für sich selbst gar nichts zu besorgen hatten und sich mit vollkommener Muße an ihren Angriff begeben konnten.

Eugen 1712 zog, als er Landrecies belagerte, seine Belagerungsbedürfnisse von Bouchain über Denain heran, also eigentlich vor der Fronte der strategischen Aufstellung. Welche Mittel er anwendete, um die unter diesen Umständen so schwierige Deckung zu bewirken, und in welche Schwierigkeiten er sich verwickelte, die mit einem förmlichen Umschwung der Angelegenheiten endigten, ist bekannt.

Wir ziehen also das Resultat: daß der Angriff von Transporten, wie leicht er auch, taktisch betrachtet, sich ausnehmen möge, doch aus strategischen Gründen nicht soviel für sich hat, sondern nur in den ungewöhnlichen Fällen sehr preisgegebener Verbindungslinien bedeutende Erfolge verspricht.

Neunzehntes Kapitel: Angriff einer feindlichen Armee in Quartieren

Wir haben in der Verteidigung diesen Gegenstand nicht gehabt, weil eine Quartierlinie nicht als ein Verteidigungsmittel betrachtet werden kann, sondern als ein bloßer Zustand des Heeres, und zwar als einer, der eine sehr geringe Schlachtfertigkeit mit sich führt. Wir haben uns also in Beziehung auf diese Schlachtfertigkeit mit dem begnügt, was wir im dreizehnten Kapitel des fünften Buches über diesen Zustand eines Heeres zu sagen hatten.

Hier beim Angriff aber haben wir eines feindlichen Heeres in Quartieren allerdings als eines besonderen Gegenstandes zu gedenken; denn teils ist ein solcher Angriff sehr eigentümlicher Art, teils kann er als ein strategisches Mittel von besonderer Wirksamkeit betrachtet werden. Es ist also hier nicht die Rede von dem Anfall eines einzelnen feindlichen Quartieres oder eines kleinen, in wenig Dörfer verteilten Korps, denn die Anordnungen dazu sind ganz taktischer Natur, sondern von dem Angriff einer bedeutenden, in mehr oder weniger ausgedehnte Quartiere verteilten Streitkraft, so daß nicht mehr der Überfall des einzelnen Quartieres selbst, sondern das Verhindern der Versammlung das Ziel ist.

Der Angriff einer feindlichen Armee in Quartieren ist also der Überfall einer nicht versammelten Armee. Soll der Überfall als gelungen betrachtet werden, so muß die feindliche Armee den vorher bestimmten Versammlungspunkt nicht mehr erreichen, also genötigt sein, einen anderen, weiter rückwärts gelegenen zu wählen; da dies Zurückverlegen im Augenblick der Not selten unter einem Tagemarsch, gewöhnlich aber mehrere betragen wird, so ist der Terrainverlust, welcher dadurch entsteht, nicht unbedeutend, und dies ist der erste Vorteil, welcher dem Angreifenden zuteil wird.

Nun kann aber dieser auf die allgemeinen Verhältnisse sich beziehende Überfall allerdings im Anfang zugleich Überfall einiger einzelner Quartiere sein; nur freilich nicht aller und nicht sehr vieler, weil schon das letztere ein solches Ausbreiten und Zerstreuen der Angriffsarmee voraussetzen würde, wie in keinem Fall ratsam wäre. Es können also nur die vordersten feindlichen Quartiere, welche in der Richtung der vorrückenden Kolonnen liegen, überfallen werden, und auch dies wird wohl selten bei vielen und im vollkommenen Maße gelingen, weil das Annähern einer bedeutenden Macht nicht so unbemerkt geschehen kann. Doch ist dieses Element des Angriffs keineswegs zu übersehen, und wir rechnen die Erfolge, welche daraus hervorgehen, als den zweiten Vorteil eines solchen Überfalles.

Ein dritter Vorteil sind die partiellen Gefechte, wozu der Feind veranlaßt wird, und in denen er große Verluste erleiden kann. Eine beträchtliche Truppenmasse versammelt sich nämlich nicht in einzelnen Bataillonen auf dem Hauptversammlungspunkt, sondern sie vereinigt sich gewöhnlich erst in Brigaden oder Divisionen oder doch in Korps, und diese Massen können dann nicht in eiligster Flucht nach dem Rendezvous eilen, sondern sie sind genötigt, wenn eine feindliche Kolonne an sie gerät, das Gefecht anzunehmen; nun können sie zwar darin als Sieger gedacht werden, wenn nämlich die angreifende Kolonne nicht stark genug war, aber selbst im Siegen verlieren sie Zeit, und überhaupt ist leicht begreiflich, daß ein Korps unter solchen Verhältnissen und bei der allgemeinen Tendenz, einen rückwärts gelegenen Punkt zu gewinnen, von seinem Siege keinen sonderlichen Gebrauch machen kann. Sie können aber auch geschlagen werden, und das ist an sich wahrscheinlicher, weil sie nicht die Zeit haben, sich zu einem guten Widerstand einzurichten. Es läßt sich also wohl denken, daß bei einem gut angelegten und ausgeführten Überfall der Angreifende durch diese partiellen Gefechte zu bedeutenden Trophäen kommen werde, die dann eine Hauptsache in dem allgemeinen Erfolg sein werden.

Endlich ist der vierte Vorteil und der Schlußstein des Ganzen eine gewisse momentane Desorganisation des feindlichen Heeres und eine Entmutigung desselben, die es selten erlauben, von den endlich versammelten Kräften Gebrauch zu machen, sondern gewöhnlich den Überfallenen nötigen, noch mehr Land zu räumen und überhaupt einen ganz anderen Abschnitt in seinen Operationen zu machen.

Dies sind die eigentümlichen Erfolge eines gelungenen Überfalles der feindlichen Quartiere, d. h. eines solchen, wo der Gegner nicht imstande gewesen ist, sein Heer ohne Verlust da zu versammeln, wo es in seinem Plane lag. Aber das Gelingen wird der Natur der Sache nach sehr viel Abstufungen haben, und so werden die Erfolge in einem Fall sehr bedeutend, in dem anderen kaum nennenswert sein. Aber selbst da, wo sie bedeutend sind, weil das Unternehmen sehr gut gelungen ist, werden sie doch selten den Erfolg einer gewonnenen Hauptschlacht geben, teils weil die Trophäen selten so groß sein werden, teils weil der moralische Eindruck nicht so hoch angeschlagen werden kann.

Dieses Gesamtresultat muß man im Auge haben, um sich nicht von einem solchen Unternehmen mehr zu versprechen, als es leisten kann. Manche halten es für das non plus ultra offensiver Wirksamkeit; das ist es aber, wie uns diese nähere Betrachtung und auch die Kriegsgeschichte lehrt, keineswegs.

Einer der glänzendsten Überfälle ist der, welchen der Herzog von Lothringen 1643 bei Tuttlingen gegen die französischen Quartiere unter dem General Rantzau unternahm. Das Korps war 16000 Mann stark, verlor den kommandierenden General und 7000 Mann. Es war eine vollkommene Niederlage. Der Mangel an allen Vorposten ließ diesen Erfolg zu.

Der Überfall, welchen Turenne im Jahr 1645 bei Mergentheim (Marienthal, wie die Franzosen es nennen) erlitt, war in seinen Wirkungen allerdings gleichfalls einer Niederlage gleich zu achten, denn er verlor von 8000 Mann 3000, welches hauptsächlich davon herrührte, daß er sich verleiten ließ, mit den versammelten Truppen einen unzeitigen Widerstand zu tun. Auf ähnliche Wirkungen kann man daher nicht oft rechnen; es war mehr der Erfolg eines schlecht überlegten Treffens als des eigentlichen Überfalles, denn Turenne hätte füglich dem Gefecht ausweichen und sich mit seinen in entlegenere Quartiere geschickten Truppen anderswo vereinigen können.

Ein dritter berühmt gewordener Überfall ist der, welchen Turenne gegen die unter dem Großen Kurfürsten, dem kaiserlichen General Bournonville und dem Herzoge von Lothringen im Elsaß stehenden Verbündeten im Jahr 1674 unternahm. Die Trophäen waren sehr gering, der Verlust der Verbündeten nicht über 2000 bis 3000 Mann, welches bei einer Macht von 50000 Mann nicht entscheidend sein konnte; aber sie glaubten doch im Elsaß keinen weiteren Widerstand wagen zu können und zogen sich über den Rhein zurück. Dieser strategische Erfolg war alles, was Turenne brauchte, aber man muß die Ursachen nicht in dem eigentlichen Überfall suchen. Turenne überraschte mehr die Pläne des Gegners als die Truppen desselben, die Uneinigkeit der verbündeten Heerführer und der nahe Rhein taten das übrige. Diese Begebenheit verdient überhaupt genauer angesehen zu werden, weil sie gewöhnlich falsch aufgefaßt wird.

1741 überfällt Neipperg den König in seinen Quartieren, der ganze Erfolg besteht aber nur darin, daß der König ihm mit nicht ganz vereinten Kräften und in verkehrter Fronte die Schlacht von Mollwitz liefern muß.

1745 überfällt Friedrich der Große den Herzog von Lothringen in der Lausitz in seinen Quartieren; der Haupterfolg entsteht durch den wirklichen Überfall eines der bedeutendsten Quartiere, nämlich von Hennersdorf, wodurch die Österreicher einen Verlust von 2000 Mann erleiden; der allgemeine Erfolg ist, daß der Herzog von Lothringen durch die Oberlausitz nach Böhmen zurückkehrt, aber freilich nicht verhindert wird, auf dem linken Ufer der Elbe wieder nach Sachsen zurückzukehren, so daß ohne die Schlacht von Kesselsdorf kein bedeutender Erfolg eingetreten wäre.

1758 überfällt der Herzog Ferdinand die französischen Quartiere; der nächste Erfolg ist der Verlust von einigen tausend Mann, und daß die Franzosen ihre Aufstellung hinter der Aller nehmen müssen. Der moralische Eindruck mag wohl etwas weiter gereicht und auf die spätere Räumung ganz Westfalens Einfluß gehabt haben.

Wenn wir aus diesen verschiedenen Beispielen ein Resultat über die Wirksamkeit eines solchen Angriffs ziehen wollen, so sind nur die beiden ersten gewonnenen Schlachten gleich zu achten. Hier waren aber die Korps nur klein und der Mangel an Vorposten in der damaligen Kriegführung ein sehr begünstigender Umstand. Die vier anderen Fälle, obgleich sie zu den vollkommen gelungenen Unternehmungen gezählt werden müssen, sind in ihrem Erfolg einer gewonnenen Schlacht offenbar nicht gleichzustellen. Der allgemeine Erfolg konnte hier nur bei einem Gegner von schwachem Willen und Charakter eintreten, und daher blieb er in dem Fall von 1741 ganz aus.

Im Jahr 1806 hatte die preußische Armee den Plan, die Franzosen in Franken auf diese Weise zu überfallen. Der Fall war wohl zu einem genügenden Resultat geeignet. Bonaparte war nicht gegenwärtig, die französischen Korps in sehr ausgedehnten Quartieren; unter diesen Umständen durfte die preußische Armee bei großer Entschlossenheit und Schnelle wohl darauf rechnen, sie mit mehr oder weniger Verlust über den Rhein zu treiben. Dies war aber auch alles; hätte sie auf mehr gerechnet, z. B. ein Verfolgen ihrer Vorteile über den Rhein oder ein solches moralisches Übergewicht, daß die Franzosen es in demselben Feldzug nicht gewagt hätten, wieder auf dem rechten Rheinufer zu erscheinen, so wäre diese Rechnung ganz ohne genügenden Grund gewesen.

1812, anfangs August, wollten die Russen von Smolensk her die französischen Quartiere überfallen, als Napoleon in der Gegend von Witebsk seine Armee einen Halt hatte machen lassen. Es verging ihnen aber in der Ausführung der Mut dazu, und das war ein Glück für sie, da der französische Feldherr mit seinem Zentro dem ihrigen nicht allein um mehr als das Doppelte überlegen war, sondern auch der entschlossenste Feldherr, der je dagewesen ist, da der Verlust von einigen Meilen Raum gar nichts entscheiden konnte, gar kein Terrainabschnitt nahe genug lag, um ihre Erfolge bis an denselben zu treiben und dadurch einigermaßen sichern zu können; da es auch nicht etwa ein Feldzug war, der sich matt zu seinem Ende hinschleppt, sondern der erste Plan eines Angreifenden, der seinen Gegner vollkommen niederwerfen will. - So können die kleinen Vorteile, welche ein Überfall der Quartiere gewähren kann, nicht anders als im äußersten Mißverhältnis mit der Aufgabe erscheinen - sie konnten unmöglich soviel Ungleichheit der Kräfte und Verhältnisse gutmachen. - Dieser Versuch zeigt aber, wie eine dunkle Vorstellung von diesem Mittel zu einer ganz falschen Anwendung desselben verleiten kann.

Das bisher Gesagte stellt den Gegenstand als strategisches Mittel ins Licht. Es liegt aber in der Natur desselben, daß seine Ausführung nicht bloß taktisch ist, sondern zum Teil der Strategie selbst wieder angehört, insofern nämlich ein solcher Angriff gewöhnlich in einer beträchtlichen Breite geschieht und die Armee, welche ihn ausführt, zum Schlagen kommen kann und meistens kommen wird, ehe sie vereinigt ist, so daß das Ganze ein Agglomerat einzelner Gefechte wird. Wir müssen also nun auch ein paar Worte über die natürlichste Einrichtung eines solchen Angriffs sagen.

Die erste Bedingung also ist: die feindliche Quartierfronte in einer gewissen Breite anzugreifen, denn nur so wird man mehrere Quartiere wirklich überfallen, andere abschneiden und überhaupt die Desorganisation, die man sich vorgesetzt hat, in das feindliche Heer bringen können. - Die Anzahl und Entfernung der Kolonnen hängt dann von den individuellen Umständen ab.

Zweitens. Die Richtung der verschiedenen Kolonnen muß konzentrisch gegen einen Punkt gehen, auf dem man sich vereinigen will; denn der Gegner endet mehr oder weniger mit einer Vereinigung, und so müssen wir es auch. Dieser Vereinigungspunkt wird womöglich der feindliche Verbindungspunkt sein oder auf der Rückzugslinie des feindlichen Heeres liegen, natürlich am besten da, wo diese irgendeinen Terrainabschnitt durchschneidet.

Drittens. Die einzelnen Kolonnen müssen, wo sie mit feindlichen Kräften zusammentreffen, diese mit großer Entschlossenheit, mit Wagnis und Kühnheit anfallen, denn sie haben die allgemeinen Verhältnisse für sich, und da ist das Wagen immer am rechten Ort. Die Folge ist, daß die Befehlshaber der einzelnen Kolonnen in dieser Beziehung große Freiheit und Vollmacht haben müssen.

Viertens. Die taktischen Angriffspläne gegen die sich zuerst stellenden feindlichen Korps müssen immer auf das Umgehen gerichtet sein, denn vom Trennen und Abschneiden wird ja der Haupterfolg erwartet.

Fünftens. Die einzelnen Kolonnen müssen aus allen Waffen bestehen und dürfen nicht zu schwach an Reiterei sein, es kann sogar gut sein, wenn die ganze Reservekavallerie unter sie verteilt wird; denn es wäre ein großer Irrtum, wenn man glaubte, diese könnte als solche bei diesem Unternehmen eine Hauptrolle spielen. Das erste beste Dorf, die kleinste Brücke, der unbedeutendste Busch hält sie auf.

Sechstens. Ob es gleich in der Natur eines Überfalles ist, daß der Angreifende seine Avantgarde nicht weit voraus haben darf, so gilt doch das nur von der Annäherung. Ist das Gefecht in der feindlichen Quartierlinie schon wirklich angefangen, also das, was vom eigentlichen Überfall zu erwarten war, bereits gewonnen, so müssen die Kolonnen Avantgarden von allen Waffen so weit als möglich vorschieben, denn diese können durch ihre schnelleren Bewegungen die Verwirrung beim Feinde sehr vermehren. Nur dadurch wird man imstande sein, hier und da den Troß von Bagage, Artillerie, Kommandierten und Traineurs wegzunehmen, welcher einem eiligst aufbrechenden Kantonnement nachzuziehen pflegt, und diese Avantgarden müssen das Hauptmittel des Umgehens und Abschneidens werden.

Siebentens. Endlich muß für eintretende Unglücksfälle der Rückzug und die Versammlung des Heeres angegeben werden.

Zwanzigstes Kapitel: Diversion

Unter Diversion versteht der Sprachgebrauch einen solchen Anfall des feindlichen Landes, wodurch Kräfte von dem Hauptpunkt abgezogen werden. Nur wenn dies die Hauptabsicht ist und nicht der Gegenstand, welchen man bei der Gelegenheit angreift und erobert, ist es eine Unternehmung eigentümlicher Art, sonst bleibt es ein gewöhnlicher Angriff.

Natürlich muß die Diversion darum doch immer ein Angriffsobjekt haben, denn nur der Wert dieses Objektes kann den Feind veranlassen, Truppen dahin zu schicken; außerdem sind diese Objekte, im Fall die Unternehmung als Diversion nicht wirkt, eine Entschädigung für die darauf gewandten Kräfte.

Diese Angriffsobjekte können nun Festungen sein oder bedeutende Magazine oder reiche und große Städte, besonders Hauptstädte, Kontributionen aller Art, endlich Beistand unzufriedener Untertanen des Feindes.

Daß Diversionen nützlich sein können, ist leicht zu begreifen, aber gewiß sind sie es nicht immer, sondern oft sogar schädlich. Die Hauptbedingung ist: daß sie mehr Streitkräfte des Feindes vom Hauptkriegstheater abziehen, als wir auf die Diversion verwenden, denn wenn sie nur ebensoviel abziehen, so hört die Wirksamkeit als eigentliche Diversion auf und das Unternehmen wird ein untergeordneter Angriff. Selbst da, wo man einen Nebenangriff anordnet, weil man der Umstände wegen die Aussicht hat, mit wenig Kräften unverhältnismäßig viel auszurichten, z. B. eine wichtige Festung leicht zu nehmen, muß man es nicht mehr Diversion nennen. Man pflegt es freilich auch Diversion zu nennen, wenn ein Staat, während er sich gegen einen anderen wehrt, durch einen dritten angefallen wird - aber ein solcher Anfall unterscheidet sich von einem gewöhnlichen Angriff in nichts als der Richtung, es ist also kein Grund, ihm einen besonderen Namen zu geben, denn in der Theorie soll man durch eigene Benennungen auch nur Eigentümliches bezeichnen.

Wenn aber schwache Kräfte stärkere herbeiziehen sollen, so müssen offenbar eigentümliche Verhältnisse die Veranlassung dazu geben, und es ist also für den Zweck einer Diversion nicht genug, irgendeine Streitkraft auf einen bisher unbetretenen Punkt abzuschicken.

Wenn der Angreifende irgendeine feindliche Provinz, die nicht zum Hauptkriegstheater gehört, durch einen kleinen Haufen von 1000 Mann heimsuchen läßt, um Kontributionen einzutreiben usw., so ist freilich vorherzusehen, daß der Feind dies nicht durch 1000 Mann verhindern kann, die er dahin absendet, sondern er wird, wenn er die Provinz gegen Streifereien sichern will, allerdings mehr dahin schicken müssen. Aber, muß man fragen, kann der Verteidiger anstatt seine Provinz zu sichern, nicht das Gleichgewicht dadurch herstellen, daß er die korrespondierende Provinz unseres Landes durch ein ebensolches Detachement heimsuchen läßt? Es muß also, wenn für den Angreifenden ein Vorteil hervorgehen soll, zuvor feststehen, daß in der Provinz des Verteidigers mehr zu holen oder zu bedrohen ist als in der unserigen. Ist dies der Fall, so kann es nicht fehlen, daß eine ganz schwache Diversion mehr feindliche Streitkräfte beschäftigen wird, als die ihrigen betragen. Dagegen geht aus der Natur der Sache hervor, daß, je mehr die Massen wachsen, dieser Vorteil schwindet, denn 50000 Mann können eine mäßige Provinz nicht nur gegen 50000 Mann mit Erfolg verteidigen, sondern selbst gegen eine etwas größere Zahl. Bei stärkeren Diversionen wird also der Vorteil sehr zweifelhaft, und je größer sie werden, um so entschiedener müssen die übrigen Verhältnisse sich schon zum Vorteil der Diversion stellen, wenn bei dieser überhaupt etwas Gutes herauskommen soll.

Diese vorteilhaften Verhältnisse können nun sein:

a) Streitkräfte, welche der Angreifende für die Diversion disponibel machen kann, ohne den Hauptangriff zu schwächen;

b) Punkte des Verteidigers, die von großer Wichtigkeit sind und durch die Diversion bedroht werden können;

c) unzufriedene Untertanen desselben;

d) eine reiche Provinz, welche beträchtliche Kriegsmittel hergeben kann.

Wenn eine solche Diversion unternommen werden soll, die, nach diesen verschiedenen Rücksichten geprüft, Erfolg verspricht, so wird man finden, daß die Gelegenheit dazu nicht häufig ist.

Aber nun kommt noch ein Hauptpunkt. Jede Diversion bringt den Krieg in eine Gegend, wohin er ohne sie nicht gekommen wäre; dadurch wird sie mehr oder weniger immer feindliche Streitkräfte wecken, die sonst geruht hätten, sie wird dies aber auf eine höchst fühlbare Weise tun, wenn der Gegner durch Milizen und Nationalbewaffnungsmittel zum Kriege ausgerüstet ist. Es ist ja ganz in der Natur der Sache, und die Erfahrung lehrt es hinlänglich, daß, wenn eine Gegend plötzlich von einer feindlichen Abteilung bedroht wird und zu ihrer Verteidigung nichts vorgekehrt ist, alles, was sich in einer solchen Gegend an tüchtigen Beamten vorfindet, alle mögliche außergewöhnliche Mittel aufbietet und in Gang setzt, um das Übel abzuwehren. Es entstehen also hier neue Widerstandskräfte, und zwar solche, die dem Volkskrieg naheliegen und ihn leicht wecken können.

Dieser Punkt muß bei jeder Diversion wohl ins Auge gefaßt werden, damit man sich nicht seine eigene Grube gräbt.

Die Unternehmung auf Nordholland im Jahr 1799, auf Walcheren 1809 sind, als Diversionen betrachtet, nur insofern zu rechtfertigen, als man die englischen Truppen nicht anders brauchen konnte, aber es ist nicht zweifelhaft, daß dadurch die Summe der Widerstandsmittel bei den Franzosen erhöht worden ist, und eben das würde jede Landung in Frankreich selbst tun. Daß die französische Küste bedroht sei, hat allerdings große Vorteile, weil es doch eine bedeutende Truppenzahl, die die Küste bewachen, neutralisiert, aber die Landung mit einer bedeutenden Macht wird immer nur dann zu rechtfertigen sein, wenn man auf den Beistand einer Provinz gegen ihre Regierung rechnen kann.

Je weniger eine große Entscheidung im Kriege vorliegt, um so eher sind Diversionen zulässig, aber freilich um so kleiner wird auch der Gewinn, welcher aus ihnen zu ziehen ist. Sie sind nur ein Mittel, die gar zu stagnante Masse in Bewegung zu bringen.

Ausführung

1. Eine Diversion kann einen wirklichen Angriff in sich schließen, dann ist die Ausführung von keinem besonderen Charakter begleitet als dem der Kühnheit und Eile.

2. Sie kann aber auch die Absicht haben, mehr zu scheinen, als sie ist, indem sie zugleich Demonstration ist. Welche besonderen Mittel hier anzuwenden sind, kann nur ein schlauer Verstand angeben, der die Verhältnisse und Menschen gut kennt. Daß hierbei immer eine große Zerstreuung der Kräfte notwendig wird, ist in der Natur der Sache.

3. Sind die Kräfte nicht ganz unbedeutend, und ist der Rückzug auf gewisse Punkte beschränkt, so ist eine Reserve, an die sich alles anschließt, eine wesentliche Bedingung.

Einundzwanzigstes Kapitel: Invasion

Was wir davon zu sagen haben, besteht fast nur in der Worterklärung. Wir finden den Ausdruck in den neueren Schriftstellern sehr häufig gebraucht und sogar mit der Prätension, etwas Eigentümliches dadurch zu bezeichnen, - guerre d'invasion kommt bei den Franzosen unaufhörlich vor. Sie bezeichnen damit jeden in das feindliche Land weit vorgehenden Angriff und möchten ihn allenfalls als Gegensatz aufstellen und von einem methodischen, d. h. einem, der nur an der Grenze nagt. Aber dies ist ein unphilosophischer Sprachwirrwarr. Ob ein Angriff an der Grenze bleiben, tief in das feindliche Land vordringen, ob er sich mit der Einnahme der festen Plätze vor allem beschäftigen oder den Kern der feindlichen Macht aufsuchen und unablässig verfolgen soll, hängt nicht von einer Manier ab, sondern ist Folge der Umstände, wenigstens kann die Theorie es nicht anders einräumen. In gewissen Fällen kann das weite Vordringen methodischer und sogar vorsichtiger sein als das Verweilen an der Grenze, in den meisten Fällen aber ist es nichts anderes als eben der glückliche Erfolg eines mit Kraft unternommenen Angriffs und folglich von diesem nicht verschieden.

Über den Kulminationspunkt des Sieges *

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* Vergl. das vierte und fünfte Kapitel.

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Nicht in jedem Kriege ist der Sieger imstande, den Gegner völlig niederzuwerfen. Es tritt oft und meistens ein Kulminationspunkt des Sieges ein. Die Masse der Erfahrungen zeigt dies hinlänglich; weil aber der Gegenstand für die Theorie des Krieges besonders wichtig und der Stützpunkt fast aller Feldzugspläne ist, weil dabei auf seiner Oberfläche wie bei schillernden Farben ein Lichtspiel von scheinbaren Widersprüchen schwebt, so wollen wir ihn schärfer ins Auge fassen und uns mit den inneren Gründen beschäftigen.

Der Sieg entspringt in der Regel schon aus einem Übergewicht der Summe aller physischen und moralischen Kräfte, unstreitig vermehrt er dieses Übergewicht, denn sonst würde man ihn nicht suchen und teuer erkaufen. Dies tut der Sieg selbst unbedenklich, auch seine Folgen tun es, aber diese nicht bis ans äußerste Ende, sondern meistens nur bis auf einen gewissen Punkt. Dieser Punkt kann sehr nahe liegen und liegt zuweilen so nahe, daß die ganzen Folgen der siegreichen Schlacht sich auf die Vermehrung der moralischen Überlegenheit beschränken können. Wie das zusammenhängt, haben wir zu untersuchen.

In dem Fortschreiten des kriegerischen Aktes begegnet die Streitkraft unaufhörlich Elementen, die sie vergrößern, und anderen, die sie verringern. Es kommt also auf das Übergewicht an. Da jede Verminderung der Kraft als eine Vermehrung der feindlichen anzusehen ist, so folgt hieraus von selbst, daß dieser doppelte Strom von Zu- und Abfluß beim Vorgehen wie beim Zurückgehen stattfinde.

Es kommt darauf an, die hauptsächlichste Ursache dieser Veränderung in dem einen Fall zu untersuchen, um über den anderen mit entschieden zu haben.

Beim Vorgehen sind die hauptsächlichsten Ursachen der Verstärkung:

1. der Verlust, welchen die feindliche Streitkraft erleidet, weil er gewöhnlich größer ist als der unserige;

2. der Verlust, welchen der Feind an toten Streitkräften als Magazinen, Depots, Brücken usw. erleidet, und den wir gar nicht mit ihm teilen;

3. von dem Augenblick an, wo wir das feindliche Gebiet betreten, der Verlust von Provinzen, folglich von Quellen neuer Streitkraft;

4. für uns der Gewinn eines Teiles dieser Quellen; mit anderen Worten: der Vorteil, auf Kosten des Feindes zu leben;

5. der Verlust des inneren Zusammenhanges und der regelmäßigen Bewegung aller Teile beim Feinde;

6. die Verbündeten des Gegners lassen von ihm los, und andere wenden sich uns zu;

7. endlich Mutlosigkeit des Gegners, wobei ihm die Waffen zum Teil aus den Händen fallen.

Die Ursachen der Schwächung sind:

1. daß wir genötigt sind, feindliche Festungen zu belagern, zu berennen oder zu beobachten; oder daß der Feind vor dem Siege dasselbe tat und beim Rückzug diese Korps an sich zieht;

2. von dem Augenblick an, wo wir das feindliche Gebiet betreten, ändert sich die Natur des Kriegstheaters, es wird feindlich; wir müssen dasselbe besetzen, denn es gehört uns nur so weit, wie wir es besetzt haben, und doch bietet es der ganzen Maschine überall Schwierigkeiten dar, die notwendig zur Schwächung ihrer Wirkungen führen müssen;

3. wir entfernen uns von unseren Quellen, während der Gegner sich den seinigen nähert; dies verursacht Aufenthalt in dem Ersatz der ausgegebenen Kräfte;

4. die Gefahr des bedrohten Staates ruft andere Mächte zu seinem Schutz auf;

5. endlich größere Anstrengung des Gegners wegen der Größe der Gefahr, dagegen ein Nachlassen in den Anstrengungen von seiten des siegenden Staates.

Alle diese Vorteile und Nachteile können miteinander bestehen, sich gewissermaßen einander begegnen und ihren Weg in entgegengesetzter Richtung fortsetzen. Nur die letzten begegnen sich wie wahre Gegensätze, können nicht aneinander vorbei, schließen also einander aus. Dies allein schon zeigt, wie unendlich verschieden die Wirkungen des Sieges sein können, je nachdem sie den Gegner betäuben oder zu größerer Kraftanstrengung drängen.

Wir wollen jeden der einzelnen Punkte mit ein paar Bemerkungen zu charakterisieren versuchen.

1. Der Verlust der feindlichen Streitkraft nach einer Niederlage kann im ersten Augenblick am stärksten sein und dann täglich geringer werden, bis er auf einen Punkt kommt, wo er mit dem unserigen ins Gleichgewicht tritt, er kann aber auch mit jedem Tage in steigender Progression wachsen. Die Verschiedenheit der Lagen und Verhältnisse entscheidet. Allgemein kann man bloß sagen, daß bei einem guten Heere das erstere, bei einem schlechten das andere gewöhnlicher sein wird; nächst dem Geist des Heeres ist der Geist der Regierung das Wichtigste dabei. Es ist im Kriege sehr wichtig, beide Fälle zu unterscheiden, um nicht aufzuhören, wo man erst recht anfangen sollte und umgekehrt.

2. Ebenso kann der Verlust des Feindes in toten Streitkräften ab- und zunehmen, und dies hängt von der zufälligen Lage und Beschaffenheit seiner Vorratsörter ab. Dieser Gegenstand kann sich übrigens seiner Wichtigkeit nach heutiges Tages nicht mehr mit den anderen messen.

3. Der dritte Vorteil muß notwendig mit dem Vorschreiten im Steigen bleiben, ja man kann sagen, daß er überhaupt erst in Betrachtung kommt, wenn man schon tief in den feindlichen Staat vorgedrungen ist, d. h. ein Viertel bis ein Drittel seiner Länder hinter sich hat. Übrigens kommt dabei noch der innere Wert in Betrachtung, den die Provinzen in Beziehung auf den Krieg haben.

Ebenso muß der 4. Vorteil mit dem Vorschreiten wachsen.

Aber es ist von diesen beiden letzten zu bemerken, daß ihr Einfluß auf die im Kampf begriffenen Streitkräfte selten schnell fühlbar ist, sondern daß sie erst langsamer auf einem Umwege wirken, und daß man also um ihrer willen den Bogen nicht zu scharf spannen, d. h. sich in keine zu gefährliche Lage begeben soll.

Der 5. Vorteil kommt wieder erst in Betrachtung, wenn man schon bedeutend vorgeschritten ist und die Gestalt des feindlichen Landes Gelegenheit gibt, einige Provinzen von der Hauptmasse zu trennen, die dann wie abgebundene Glieder bald abzusterben pflegen.

Von dem 6. und 7. ist es wenigstens wahrscheinlich, daß sie mit dem Vorschreiten wachsen, wir werden übrigens von beiden weiter unten sprechen.

Gehen wir jetzt zu den Schwächungsursachen über.

1. Das Belagern, Berennen und Einschließen der Festungen wird in den meisten Fällen mit dem Vorschreiten wachsen. Diese Schwächung allein wirkt auf den augenblicklichen Stand der Streitkräfte so mächtig, daß sie in dieser Beziehung leicht alle Vorteile aufwiegen kann. Freilich hat man in neueren Zeiten angefangen, Festungen mit sehr wenigem Volk zu berennen oder gar mit noch wenigerem zu beobachten; auch muß der Feind diese Festungen mit Besatzungen versehen. Nichtsdestoweniger bleibt es ein wichtiges Sicherungsprinzip. Die Besatzungen bestehen gewöhnlich zur Hälfte aus Leuten, die vorher nicht mitspielten; vor denjenigen, welche an der Verbindungsstraße liegen, muß man doch das Doppelte der Besatzung zurücklassen, und will man nur eine einzige bedeutende förmlich belagern oder aushungern, so kostet sie eine kleine Armee.

2. Die zweite Ursache, die Einrichtung eines Kriegstheaters im feindlichen Lande, wächst notwendig mit dem Vorschreiten und ist, wenn auch nicht für den augenblicklichen Stand der Streitkräfte, doch für die dauernde Lage derselben noch wirksamer als die zweite.

Nur denjenigen Teil des feindlichen Landes können wir als unser Kriegstheater betrachten, den wir besetzt, d. h. wo wir entweder kleine Korps im freien Felde oder hin und wieder Besatzungen in den beträchtlichsten Städten, auf den Etappenörtern usw. gelassen haben; wie klein nun auch die Garnisonen sind, die wir zurücklassen, so schwächt es doch die Streitkraft beträchtlich. Aber dies ist das geringste.

Jede Armee hat strategische Flanken, nämlich die Gegend, welche sich auf beiden Seiten ihrer Verbindungslinien hinzieht; weil die feindliche Armee sie aber gleichfalls hat, so ist die Schwäche dieser Teile nicht fühlbar. Dies ist aber nur der Fall im eigenen Lande; sowie man sich im feindlichen befindet, wird die Schwäche dieser Teile fühlbar, weil bei einer sehr langen, wenig oder gar nicht gedeckten Linie die unbedeutendste Unternehmung einigen Erfolg verspricht und diese überall aus einer feindlichen Gegend hervorgehen kann.

Je weiter man vordringt, um so länger werden diese Flanken, und die daraus entstehende Gefahr wächst in steigender Progression; denn nicht bloß sind sie schwer zu decken, sondern der Unternehmungsgeist der Feindes wird auch hauptsächlich erst durch die langen ungesicherten Verbindungslinien hervorgerufen, und die Folgen, welche ihr Verlust im Fall eines Rückzuges haben kann, sind höchst bedenklich.

Alles dieses trägt dazu bei, der vorschreitenden Armee mit jedem Schritt, den sie weiter tut, ein neues Gewicht anzuhängen, so daß, wenn sie nicht mit einer ungewöhnlichen Überlegenheit angefangen hat, sie sich nach und nach immer mehr beengt in ihren Plänen, immer mehr geschwächt in ihrer Stoßkraft und zuletzt ungewiß und besorglich in ihrer Lage fühlt.

3. Die dritte Ursache, die Entfernung von der Quelle, aus welcher die unaufhörlich sich schwächende Streitkraft auch unaufhörlich ergänzt werden muß, steigt mit der Entfernung. Eine erobernde Armee gleicht hierin dem Licht einer Lampe; je weiter sich das nährende Öl hinuntersenkt und vom Fokus entfernt, um so kleiner wird dieser, bis er nachher ganz erlischt.

Freilich kann der Reichtum eroberter Provinzen dieses Übel sehr vermindern, doch niemals ganz aufheben, weil es immer eine Menge Gegenstände gibt, die man von Hause kommen lassen muß, namentlich Menschen, weil die Leistungen des feindlichen Landes in der Allgemeinheit der Fälle nicht so schnell und sicher sind als die im eigenen Lande, weil für ein unvermutet entstehendes Bedürfnis nicht so schnell Hilfe geschafft werden kann, weil Mißverständnisse und Fehler aller Art nicht so früh entdeckt und verbessert werden können.

Führt der Fürst sein Heer nicht selbst an, wie das in den letzten Kriegen Sitte geworden, ist er demselben nicht mehr nahe, so entsteht noch ein neuer, sehr großer Nachteil aus dem Zeitverlust, den das Hin- und Herfragen mit sich bringt, denn die größte Vollmacht eines Heerführers kann den weiten Raum seines Wirkungskreises nicht ausfüllen.

4. Die Veränderung der politischen Verbindungen. Sind diese Veränderungen, welche der Sieg hervorruft, von der Art, daß sie dem Sieger nachteilig sein werden, so werden sie wahrscheinlich mit seinen Fortschritten im geraden Verhältnis stehen, ebenso wie das der Fall ist, wenn sie ihm günstig sind. Hier kommt alles auf die bestehenden politischen Verbindungen, Interessen, Gewohnheiten Richtungen, auf Fürsten, Minister, Günstlinge und Maitressen usw. an. Allgemein kann man nur sagen, daß, wenn ein großer Staat besiegt wird, der kleinere Bundesgenossen hat, diese bald das Reißaus zu nehmen pflegen, und daß dann der Sieger in dieser Beziehung mit jedem Schlage stärker wird; ist aber der besiegte Staat kleiner, so werden sich viel eher Beschützer aufwerfen, wenn er in seinem Dasein bedroht wird, und andere, die geholfen haben, ihn zu erschüttern, werden umkehren, wenn sie glauben, daß es zu viel wird.

5. Der größere Widerstand, welcher beim Feinde hervorgerufen wird. Einmal fallen dem Feinde die Waffen aus den Händen vor Schreck und Betäubung, ein andermal ergreift ihn ein enthusiastischer Paroxismus, alles eilt zu den Waffen, und der Widerstand ist nach der ersten Niederlage viel größer als vor derselben. Der Charakter des Volkes und der Regierung, die Natur des Landes, die politischen Verbindungen desselben sind die Daten, aus denen das Wahrscheinliche erraten werden muß.

Wie unendlich verschieden machen diese beiden letzten Punkte allein die Pläne, welche man im Kriege in dem einen und dem anderen Fall machen darf und machen soll! Während der eine durch Ängstlichkeit und sogenanntes methodisches Verfahren sein bestes Glück verscherzt, plumpst der andere bis über die Ohren hinein und sieht dann hinterher aus wie einer, den man eben aus dem Wasser gezogen hat, ganz bestürzt und verwundert.

Noch müssen wir hier der Erschlaffung gedenken, welche bei dem Sieger nicht selten dann zu Hause eintritt, wenn die Gefahr entfernt ist, während doch umgekehrt neue Anstrengungen nötig wären, um den Sieg zu unterstützen. Wirft man einen allgemeinen Blick auf diese verschiedenen einander entgegengesetzten Prinzipien, so ergibt sich ohne Zweifel, daß die Benutzung des Sieges, das Vorschreiten in dem Angriffskriege in der Allgemeinheit der Fälle die Überlegenheit vereinzelt, mit welcher man angefangen oder die man durch den Sieg erworben hat.

Hier muß uns notwendig die Frage einfallen - wenn dem so ist, was treibt nun den Sieger zum Verfolgen seiner Siegesbahn, zum Vorschreiten in der Offensive? Und kann dies wirklich noch eine Benutzung des Sieges genannt werden? Wäre es nicht besser, da innezuhalten, wo noch gar keine Verringerung des erhaltenen Übergewichts stattgefunden hat?

Hierauf muß man natürlich antworten: das Übergewicht der Streitkräfte ist nicht der Zweck, sondern das Mittel. Der Zweck ist entweder, den Feind niederzumachen, oder ihm wenigstens einen Teil seiner Länder zu nehmen, um sich dadurch zwar nicht für den augenblicklichen Stand der Streitkräfte, aber doch für den Stand des Krieges und des Friedens in den Vorteil zu setzen. Selbst wenn wir den Gegner ganz niederwerfen wollen, müssen wir uns gefallen lassen, daß vielleicht jeder Schritt vorwärts unsere Überlegenheit schwächt, woraus aber nicht notwendig folgt, daß sie vor dem Fall des Gegners Null werden müsse; der Fall des Gegners kann vorher eintreten, und ließe sich dieser mit dem letzten Minimum des Übergewichts erreichen, so wäre es ein Fehler, dieses nicht darangewendet zu haben.

Das Übergewicht also, welches man im Kriege hat oder erwirbt, ist nur das Mittel, nicht der Zweck und muß für diesen darangesetzt werden. Aber man muß den Punkt kennen, wohin es reicht, um nicht über diesen hinauszugehen und, anstatt neue Vorteile, Schande zu ernten.

Daß es sich mit dem Erschöpfen des strategischen Übergewichts in dem strategischen Angriff also verhält, darüber brauchen wir besondere Fälle der Erfahrung nicht anzuführen; die Masse der Erscheinungen hat uns vielmehr gedrängt, die inneren Gründe dafür aufzusuchen. Nur seit Bonapartes Erscheinen kennen wir Feldzüge unter gebildeten Völkern, wo das Übergewicht ununterbrochen bis zum Fall des Gegners führte; vor ihm endigte jeder Feldzug damit, daß die siegende Armee einen Punkt zu gewinnen suchte, wo sie sich mit dem bloßen Gleichgewicht erhalten konnte, und daß in diesem die Bewegung des Sieges aufhörte oder auch wohl, daß gar ein Rückzug notwendig wurde. Dieser Kulminationspunkt des Sieges wird nun auch in der Folge in allen Kriegen vorkommen, wo das Niederwerfen des Gegners nicht das kriegerische Ziel sein kann, und so werden doch immer die meisten Kriege sein. Es ist also das natürliche Ziel aller einzelnen Feldzugspläne der Wendepunkt des Angriffs zur Verteidigung.

Nun ist aber das Überschreiten dieses Zieles nicht etwa bloß eine unnütze Kraftanstrengung, die keinen Erfolg mehr gibt, sondern eine verderbliche, welche Rückschläge verursacht, und diese Rückschläge sind nach einer ganz allgemeinen Erfahrung immer von unverhältnismäßiger Wirkung. Diese letztere Erscheinung ist so allgemein, scheint so naturgemäß und dem inneren Menschen verständlich, daß wir uns überheben können, die Ursachen davon umständlich anzugeben. Mangel an Einrichtung in dem eben eroberten Lande und der starke Gegensatz, welchen ein bedeutender Verlust gegen den erwarteten neuen Erfolg in den Gemütern bildet, sind in jedem Fall die hauptsächlichsten. Die moralischen Kräfte, Ermutigung auf der einen Seite, die oft bis zum Übermut steigt, Niedergeschlagenheit auf der anderen bekommen hier gewöhnlich ein ungewöhnlich lebhaftes Spiel. Die Verluste beim Rückzug werden dadurch größer, und man dankt in der Regel dem Himmel, wenn man mit der Rückgabe des Eroberten davonkommt, ohne Einbuße vom eigenen Lande zu leiden.

Hier müssen wir einen anscheinenden Widerspruch beseitigen, welcher sich zu ergeben scheint.

Man sollte nämlich glauben, daß, solange das Vorschreiten im Angriff seinen Fortgang hat, auch noch Überlegenheit vorhanden sei, und da die Verteidigung, welche am Ende der Siegeslaufbahn eintritt, eine stärkere Form des Krieges ist als der Angriff, so sei um so weniger Gefahr, daß man unversehens der Schwächere werde. Und doch ist dem also, und wir müssen [gestehen], wenn wir die Geschichte im Auge haben, daß oft die größte Gefahr des Umschwunges erst eintritt in dem Augenblick, wo der Angriff nachläßt und in Verteidigung übergeht. Wir wollen uns nach dem Grunde umsehen.

Die Überlegenheit, welche wir der verteidigenden Kriegsform zugeschrieben haben, liegt:

1. in der Benutzung der Gegend;

2. in dem Besitz eines eingerichteten Kriegstheaters;

3. in dem Beistand des Volkes;

4. in dem Vorteil des Abwartens.

Es ist klar, daß diese Prinzipe nicht immer im gleichen Maße vorhanden und wirksam sein werden, und daß folglich eine Verteidigung der anderen nicht immer gleich ist, daß folglich such die Verteidigung nicht immer dieselbe Überlegenheit über den Angriff haben wird. Namentlich muß dies der Fall sein bei einer Verteidigung, die nach einem erschöpften Angriff eintritt, und deren Kriegstheater gewöhnlich an der Spitze eines weit vorgeschobenen Offensivdreieckes zu liegen kommt. Diese behält von den genannten vier Prinzipien nur das erste, die Benutzung der Gegend, unverändert, das zweite fällt meistens ganz weg, das dritte wird negativ und das vierte wird sehr geschwächt. Nur über das letzte ein paar Worte zur Erläuterung.

Wenn nämlich das eingebildete Gleichgewicht, in welchem oft ganze Feldzüge erfolglos verstreichen, weil der, an welchem das Handeln ist, nicht die notwendige Entschlossenheit besitzt, und worin wir den Vorteil des Abwartens finden, - wenn dieses Gleichgewicht durch einen Offensivakt gestört, das feindliche Interesse verletzt, sein Wille zum Handeln hingedrängt ist, so ist die Wahrscheinlichkeit, daß er in müßiger Unentschlossenheit bleiben werde, sehr verringert. Eine Verteidigung, die man auf erobertem Boden einrichtet, hat einen viel mehr herausfordernden Charakter als eine bei sich zu Haus; es wird ihr gewissermaßen das offensive Prinzip eingeimpft und ihre Natur dadurch geschwächt. Die Ruhe, welche Daun Friedrich II. in Schlesien und Sachsen gönnte, würde er ihm in Böhmen nicht gestattet haben.

Es ist also klar, daß die Verteidigung, welche in eine Offensivunternehmung verflochten ist, in allen ihren Hauptprinzipien geschwächt sein und also nicht mehr die Überlegenheit über diese haben wird, welche ihr ursprünglich zukommt.

Wie kein Verteidigungsfeldzug aus bloßen Verteidigungselementen zusammengesetzt ist, so besteht auch kein Angriffsfeldzug aus lauter Angriffselementen, weil außer den kurzen Zwischenperioden eines jeden Feldzuges, in welchen beide Heere sich in der Verteidigung befinden, jeder Angriff, der nicht bis zum Frieden reicht, notwendig mit einer Verteidigung endigen muß.

Auf diese Weise ist es die Verteidigung selbst, welche zur Schwächung des Angriffs beiträgt. Dies ist so wenig eine müßige Spitzfindigkeit, daß wir es vielmehr als den hauptsächlichsten Nachteil des Angriffs betrachten, dadurch später in eine ganz unvorteilhafte Verteidigung versetzt zu werden.

Und hiermit ist denn erklärt, wie der Unterschied, welcher in der Stärke der offensiven und defensiven Kriegsform ursprünglich besteht, nach und nach geringer wird. Wir wollen nun noch zeigen, wie er ganz verschwinden und auf eine kurze Zeit in die entgegengesetzte Größe übergehen kann.

Will man uns erlauben, einen Hilfsbegriff aus der Natur herbeizurufen, so werden wir uns kürzer fassen können.

Es ist die Zeit, welche in der Körperwelt jede Kraft braucht, um sich wirksam zu zeigen. Eine Kraft, die hinreichend wäre, einen bewegten Körper aufzuhalten, wenn sie langsam und nach und nach angewendet wird, wird von ihm überwältigt werden, wenn es an Zeit fehlt. Dieses Gesetz der Körperwelt ist ein treffendes Bild für manche Erscheinung unseres inneren Lebens. Sind wir einmal zu einer gewissen Richtung des Gedankenzuges angeregt, so ist nicht jeder an sich hinreichende Grund imstande, eine Veränderung oder ein Innehalten hervorzubringen. Es ist Zeit, Ruhe, nachhaltiger Eindruck des Bewußtseins erforderlich. So ist es auch im Kriege. Hat die Seele einmal eine bestimmte Richtung fort zum Ziele oder zurückgewendet nach einem Rettungshafen, so geschieht es leicht, daß die Gründe, welche den einen zum Innehalten nötigen, den anderen zum Unternehmen berechtigen, nicht leicht in ihrer ganzen Stärke gefühlt werden, und da die Handlung indes fortschreitet, so kommt man im Strom der Bewegung über die Grenze des Gleichgewichts, über die Kulminationslinie hinaus, ohne es gewahr zu werden; ja es kann geschehen, daß dem Angreifenden, unterstützt von den moralischen Kräften, die vorzugsweise im Angriff liegen, das Weiterschreiten trotz der erschöpften Kraft weniger beschwerlich wird als das Innehalten, so wie Pferden, welche eine Last den Berg hinaufziehen. Hiermit glauben wir nun ohne inneren Widerspruch gezeigt zu haben, wie der Angreifende über denjenigen Punkt hinauskommen kann, der ihm im Augenblick des Innehaltens und der Verteidigung noch Erfolge, d. h. Gleichgewicht verspricht. Es ist also wichtig, beim Entwurf des Feldzuges diesen Punkt richtig festzuhalten, sowohl für den Angreifenden, damit er nicht über sein Vermögen unternehme, gewissermaßen Schulden mache, als für den Verteidiger, damit er diesen Nachteil, in welchen sich der Angreifende begeben hat, erkenne und benütze.

Werfen wir nun einen Blick zurück auf alle die Gegenstände, welche der Feldherr bei dieser Feststellung im Auge haben soll, und erinnern uns, daß er von den wichtigsten die Richtung und den Wert erst durch den Überblick vieler anderen nahen und entfernten Verhältnisse schätzen, gewissermaßen erraten muß - erraten, ob das feindliche Heer nach dem ersten Stoß einen festeren Kern, eine immer zunehmende Dichtigkeit zeigen, oder ob es wie die Bologneser Flaschen in Staub zerfallen wird, sobald man seine Oberfläche verletzt; - erraten, wie groß die Schwächung und Lähmung sein werde, die das Versiegen einzelner Quellen, das Unterbrechen einzelner Verbindungen im feindlichen Kriegsstaat hervorbringt; - erraten, ob der Gegner von dem brennenden Schmerz der Wunde, die er ihm geschlagen, ohnmächtig zusammensinkt oder wie ein verwundeter Stier zur Wut gesteigert wird; - erraten, ob die anderen Mächte erschreckt oder entrüstet sind, ob und welche politische Verbindungen sich lösen oder bilden werden - sagen wir uns, daß er dies alles und vieles andere mit dem Takt seines Urteiles treffen soll wie der Schütze sein Ziel, so müssen wir eingestehen, daß ein solcher Akt des menschlichen Geistes nichts Geringes sei. Tausend Abwege bieten sich dem Urteil, die sich hier- und dorthin verlaufen; und was die Menge, Verwicklung und Vielseitigkeit der Gegenstände nicht tun, das tut die Gefahr und Verantwortlichkeit.

Und so geschieht es denn, daß die große Mehrheit der Feldherren lieber weit hinter dem Ziel zurückbleibt, als sich ihm zu sehr zu nahen, und daß ein schöner Mut und hoher Unternehmungsgeist oft darüber hinausgerät und also seinen Zweck verfehlt. Nur wer mit geringen Mitteln Großes tut, hat es glücklich getroffen.

 

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