CLAUSEWITZ: VOM KRIEGE
From the first edition of Vom Kriege


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FÜNFTES BUCH

Die Streitkräfte

Siebzehntes Kapitel:
Gegend und Boden

 

Ganz abgesehen von den Mitteln des Unterhaltes, welches eine ganz andere Seite dieses Gegenstandes ist, haben Gegend und Boden eine sehr nahe und nie fehlende Beziehung zur kriegerischen Tätigkeit, nämlich einen sehr entscheidenden Einfluß auf das Gefecht, sowohl was seinen Verlauf selbst als seine Vorbereitung und Benutzung betrifft. In dieser Beziehung, also in der ganzen Bedeutung des französischen Ausdrucks Terrain, haben wir Gegend und Boden hier zu betrachten.

Ihre Wirksamkeit liegt größtenteils im Gebiet der Taktik, allein die Resultate erscheinen in der Strategie; ein Gefecht in einem Gebirge ist auch in seinen Folgen etwas ganz anderes als ein Gefecht in der Ebene.

Aber solange wir den Angriff noch nicht von der Verteidigung getrennt und uns zur näheren Betrachtung beider gewendet haben, können wir auch die Hauptgegenstände des Terrains noch nicht in ihren Wirkungen betrachten, und wir müssen also hier bei ihrem allgemeinen Charakter stehenbleiben. Drei Eigenschaften sind es, wodurch Gegend und Boden Einfluß auf die kriegerische Tätigkeit haben, nämlich: als Hindernis des Zuganges, als Hindernis der Übersicht und als Deckungsmittel gegen die Wirkung des Feuers; auf diese drei lassen sich alle zurückführen.

Unstreitig hat diese dreifache Einwirkung der Gegend die Tendenz, das kriegerische Handeln mannigfaltiger, zusammengesetzter und kunstvoller zu machen, denn es sind offenbar drei Größen mehr, welche in die Kombination treten.

Den Begriff einer vollkommenen und vollkommen offenen Ebene, also eines ganz wirkungslosen Bodens, gibt es in der Wirklichkeit nur für ganz kleine Abteilungen, und auch bei diesen nur für die Wirksamkeit eines gegebenen Momentes. Bei größeren Abteilungen und längerer Dauer mischen sich die Gegenstände des Bodens in die Handlung, und bei ganzen Heeren ist auch für einen einzelnen Moment, z. B. die Schlacht, der Fall kaum denkbar, daß die Gegend nicht Einfluß darauf gehabt haben sollte.

Dieser Einfluß ist also so gut wie immer vorhanden, aber er ist freilich stärker oder schwächer nach der Natur des Landes.

Wenn wir die große Masse der Erscheinungen im Auge haben, so werden wir finden, daß eine Gegend hauptsächlich auf dreifache Weise sich von dem Begriff einer offenen, freien Ebene entfernt: einmal durch die Gestalt des Bodens, also durch Erhöhungen und Vertiefungen, dann durch Wälder, Sümpfe und Seen als natürliche Erscheinungen und endlich durch das, was die Kultur hervorbringt. In allen drei Richtungen nimmt der Einfluß der Gegend auf das kriegerische Handeln zu. Verfolgen wir diese drei Richtungen bis zu einer gewissen Weite, so haben wir das Gebirgsland, das wenig bebaute, mit Wald und Sümpfen bedeckte, und das sehr angebaute. In allen drei Fällen also wird der Krieg dadurch verwickelter und kunstvoller.

Was den Anbau betrifft, so wirken freilich nicht alle Arten desselben in gleicher Stärke; am stärksten jener in Flandern, Holstein und anderen Gegenden gebräuchliche, wo das Land von vielen Gräben, Zäunen, Hecken und Wällen durchschnitten, mit vielen einzelnen Wohnungen und kleinen Gebüschen überstreut ist.

Die leichteste Art der Kriegführung wird also in einem Lande sein, was flach und mäßig angebaut ist. So verhält es sich aber nur in der ganz allgemeinen Beziehung, und wenn wir von dem Gebrauch, welchen die Verteidigung von den Hindernissen des Bodens macht, ganz absehen.

Jede jener drei Landesarten wirkt also auf dem dreifachen Wege: als Hindernis des Zuganges, der Übersicht und als Deckungsmittel, und zwar jede auf ihre Weise.

In einem waldbedeckten Lande ist das Hindernis der Übersicht, in einem gebirgigen das Hindernis des Zuganges vorherrschend, in sehr angebauten Gegenden halten beide die Mitte.

Da das waldreiche Land einen großen Teil des Bodens den Bewegungen gewissermaßen entzieht, weil außer den Schwierigkeiten des Zuganges auch noch der gänzliche Mangel an Übersicht nicht gestattet, von jedem Mittel des Durchkommens Gebrauch zu machen, so vereinfacht es auf der einen Seite die Handlung wieder, die es auf der anderen soviel schwieriger macht. Ist es daher in einem solchen Lande schwer tunlich, seine Kräfte im Gefecht ganz zu sammeln, so findet doch auch nicht eine so viel gegliederte Teilung statt, wie sie im Gebirge und in sehr durchschnittenen Gegenden gewöhnlich ist; mit anderen Worten: die Teilung ist in einem solchen Lande unvermeidlicher, aber weniger groß.

Im Gebirge ist das Hindernis des Zuganges vorherrschend und auf eine doppelte Art wirksam, indem man nämlich nicht überall durchkann und da, wo man es kann, sich langsamer und mit größerer Anstrengung bewegen muß. Deswegen wird die Schnellkraft aller Bewegungen im Gebirge sehr gemäßigt und der ganzen Wirkungsart viel mehr Zeit zugemischt. Aber der Gebirgsboden hat vor den anderen noch die Eigentümlichkeit voraus, daß ein Punkt den anderen überhöht. Wir werden vom Überhöhen überhaupt im folgenden Kapitel besonders sprechen und hier nur bemerken, daß es diese Eigentümlichkeit ist, welche die große Teilung der Kräfte im Gebirgslande veranlaßt, denn nun sind die Punkte nicht bloß um ihrer selbst willen wichtig, sondern auch um des Einflusses willen, den sie auf andere ausüben.

Alle drei sich zu einem Äußersten hinneigenden Arten der Gegend und das Bodens haben, wie wir das schon anderswo gesagt haben, die Wirkung, den Einfluß des obersten Feldherrn auf den Erfolg in eben dem Maße zu schwächen, als die Kräfte der Untergeordneten bis zum gemeinen Soldaten hinab stärker hervortreten. Je größer die Teilung, je unmöglicher die Übersicht ist, um so mehr ist jeder Handelnde sich selbst überlassen; das ist an sich verständlich. Zwar wird bei der größeren Gliederung, Mannigfaltigkeit und Vielseitigkeit des Handelns der Einfluß der Intelligenz überhaupt zunehmen müssen, und auch der oberste Feldherr wird eine größere Einsicht dabei zeigen können; aber wir müssen auch hier wieder darauf zurückkommen, was wir früher schon gesagt haben, daß im Kriege die Summe der einzelnen Erfolge mehr entscheidet als die Form, in welcher sie zusammenhängen, und daß also, wenn wir unsere jetzige Betrachtung bis an die äußerste Grenze fortsetzen und uns ein Heer in eine große Schützenlinie aufgelöst denken wollen, wo jeder Soldat seine eigene kleine Schlacht liefert, es mehr auf die Summe der einzelnen Siege als auf die Form ihres Zusammenhanges ankommt; denn die Wirksamkeit guter Kombinationen kann nur von positiven Erfolgen ausgehen, nicht von negativen. Es wird also der Mut, die Gewandtheit und der Geist des einzelnen in diesem Fall über alles entscheiden. Nur wo die Heere von gleichem Werte sind, oder die Eigentümlichkeiten in beiden sich die Waage halten, kann das Talent und die Einsicht der Feldherren wieder entscheidend werden. Die Folge davon ist, daß Nationalkriege, Volksbewaffnungen usw., wo wenigstens der Geist des einzelnen immer sehr gesteigert ist, wenn auch die Tapferkeit und Gewandtheit nicht gerade überlegen sein sollte, bei einer großen Vereinzelung der Kräfte und also einem sehr durchschnittenen Boden ihre Überlegenheit finden, daß sie aber auch nur auf einem solchen bestehen können, weil gewöhnlich einer solchen Streitkraft alle die Eigenschaften und Tugenden fehlen, die schon bei der Vereinigung mäßig starker Haufen unentbehrlich sind.

Auch die Natur der Streitkraft stuft sich von dem einen Äußersten bis zum anderen nur nach und nach ab, denn schon das Verhältnis der eigenen Landesverteidigung gibt einem Heere, wenn es auch ganz stehendes Heer ist, etwas Nationales und eignet es in diesem Fall mehr zur Vereinzelung.

Je mehr nun einem Heere diese Eigenschaften und Verhältnisse abgehen, je stärker sie bei dem Gegner hervortreten, um so mehr wird es die Vereinzelung fürchten und durchschnittene Gegenden vermeiden; allein das Vermeiden einer durchschnittenen Gegend liegt selten in seiner Wahl, man kann sich sein Kriegstheater nicht unter vielen Proben wie eine Ware aussuchen, und so finden wir denn meistens, daß die Heere, welche ihrer Natur nach in der Vereinigung der Massen ihren Vorteil finden, ihre ganze Kunst aufbieten, dies System gegen die Natur der Gegend soviel als immer möglich durchzusetzen. Sie müssen sich dabei anderen Nachteilen unterwerfen, z. B. einer dürftigen und schwierigen Verpflegung, schlechtem Unterkommen, im Gefecht häufigen Anfällen von allen Seiten; allein der Nachteil, sich seiner eigentümlichen Vorzüge ganz zu begeben, würde ein viel größerer sein.

Beide in entgegengesetzter Richtung liegende Tendenzen zur Sammlung und zur Zerstreuung der Streitkräfte finden in dem Maße statt, als die Naturen dieser Streitkräfte sich nach der einen oder anderen Seite hinneigen; aber auch in den entschiedensten Fällen kann der eine nicht immer vereinigt bleiben und der andere den Erfolg nicht allein von seiner zerstreuten Wirksamkeit erwarten. Auch die Franzosen in Spanien mußten ihre Kräfte teilen, und auch die Spanier in der Verteidigung ihres Bodens vermittelst eines Volksaufstandes mußten einen Teil ihrer Kräfte auf großen Schlachtfeldern versuchen.

Nächst der Beziehung, welche Gegend und Boden auf die allgemeine und besonders auf die politische Beschaffenheit der Streitkräfte haben, ist die auf das Waffenverhältnis die wichtigste.

In allen sehr unzugänglichen Gegenden, sei die Ursach Gebirge, Wald oder Kultur, ist eine zahlreiche Reiterei unnütz, das ist an sich klar; ebenso ist es in waldreichen Gegenden mit der Artillerie, es kann leicht an Raum fehlen, sie mit allem Nutzen zu brauchen, an Wegen, sie durchzubringen, an Futter für die Pferde. Weniger nachteilig sind für diese Waffe kulturreiche Gegenden, und am wenigsten Gebirge. Beide bieten zwar Deckung gegen das Feuer dar und sind mithin der Waffe, die vorzugsweise mit dem Feuer wirkt, ungünstig, beide geben auch dem alles durchdringenden Fußvolk die Mittel, das schwerfälligere Geschütz häufig in Verlegenheit zu bringen; allein in beiden fehlt es doch niemals geradezu an Raum zum Gebrauch einer zahlreichen Artillerie, und im Gebirge hat sie den großen Vorteil, daß die langsameren Bewegungen des Gegners ihre Wirksamkeit wieder vermehren.

Unverkennbar aber ist die entschiedene Überlegenheit, welche das Fußvolk in jedem schwierigen Boden über die anderen Waffen hat, und daß also in solchem seine Zahl das gewöhnliche Verhältnis merklich übersteigen darf.



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