CLAUSEWITZ: VOM KRIEGE
From the first edition of Vom Kriege


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FÜNFTES BUCH

Die Streitkräfte

Fünfzehntes Kapitel:
Operationsbasis

 

Wenn ein Heer von den Punkten seiner Entstehung zu einer Unternehmung vorschreitet, sei es der Angriff des Feindes und seines Kriegstheaters oder die Aufstellung an den Grenzen des eigenen, so bleibt es von jenen Quellen in einer notwendigen Abhängigkeit und muß die Verbindung mit ihnen unterhalten, denn sie sind die Bedingungen seines Daseins und Bestehens. Diese Abhängigkeit wächst intensiv und extensiv mit der Größe des Heeres. Nun ist es aber weder immer möglich noch erforderlich, daß das Heer mit dem ganzen Lande in unmittelbarer Verbindung bleibe, sondern nur mit dem Stück davon, welches sich gerade hinter ihm befindet und folglich durch seine Stellung gedeckt ist. In diesem Teil des Landes werden dann, soweit es nötig ist, besondere Anlagen von Vorräten gemacht und Veranstaltungen zur regelmäßigen Fortschaffung der Ergänzungskräfte getroffen. Dieses Stück des Landes ist also die Grundlage des Heeres und aller seiner Unternehmungen, es muß mit demselben als ein Ganzes betrachtet werden. Sind die Vorräte zu größerer Sicherheit derselben in befestigten Orten angelegt, so wird der Begriff einer Basis dadurch verstärkt, aber er entsteht nicht erst dadurch, denn in einer Menge von Fällen findet dies nicht statt.

Aber auch ein Stück des feindlichen Landes kann die Grundlage eines Heeres ausmachen oder wenigstens mit dazugehören, denn wenn ein Heer im feindlichen Lande vorgerückt ist, werden eine Menge Bedürfnisse aus dem eingenommenen Teile desselben gezogen; aber die Bedingung ist in diesem Fall, daß man wirklich Herr dieses Landstrichs, d. h. der Befolgung seiner Anordnungen gewiß sei. Diese Gewißheit reicht aber selten weiter, als soweit man die Einwohner durch kleine Garnisonen und hin- und herziehende Haufen in Furcht halten kann, und dies ist gewöhnlich ziemlich beschränkt. Die Folge ist also, daß im feindlichen Lande die Gegend, aus welcher man Bedürfnisse aller Art ziehen kann, in Beziehung auf den Bedarf des Heeres sehr beschränkt ist und meistens nicht ausreicht; daß also das eigene Land viel geben muß, und daß folglich immer wieder dasjenige Stück desselben, welches sich hinter dem Heere befindet, als ein notwendiger Bestandteil der Basis in Betrachtung kommen muß.

Die Bedürfnisse eines Heeres muß man in zwei Klassen unterscheiden: nämlich die, welche jede angebaute Gegend gibt, und andere, die es nur aus den Quellen seiner Entstehung ziehen kann. Die ersten sind hauptsächlich Unterhalts- und die zweiten Ergänzungsmittel. Die ersteren kann also auch das feindliche Land, die letzteren in der Regel nur das eigene liefern, z. B. Menschen, Waffen und meistens auch Munition. Wenn auch in einzelnen Fällen Ausnahmen von diesem Unterschied vorkommen, so sind sie doch selten und unbedeutend, und jene Unterscheidung bleibt sehr wichtig und beweist von neuem, daß die Verbindung mit dem eigenen Lande unentbehrlich ist.

Die Ernährungsvorräte werden meistens in offenen Orten gesammelt, sowohl im feindlichen als im eigenen Lande, weil es nicht soviel Festungen gibt, wie dazu erforderlich sein würden, die viel größere Masse dieser sich schnell verzehrenden, bald hier, bald dort erforderlichen Vorräte aufzunehmen, und weil ihr Verlust leichter zu ersetzen ist; dagegen werden Vorräte der Ergänzung, also an Waffen, Munition und Ausrüstungsgegenständen, in der Nähe des Kriegstheaters nicht leicht in offenen Orten niedergelegt, sondern lieber aus größeren Entfernungen herbeigeholt, im feindlichen Lande aber nie anders als in Festungen. Auch dieser Umstand macht, daß die Wichtigkeit der Basis mehr von den Ergänzungs- als Ernährungsmitteln herrührt.

Je mehr nun die Mittel beider Art, ehe sie ihre Anwendung erreichen, in großen Niederlagen zusammengebracht werden, je mehr sich also alle einzelne Quellen in große Reservoire vereinigen, um so mehr können diese als die Stellvertreter des ganzen Landes betrachtet werden, und der Begriff der Basis wird sich um so mehr auf diese großen Vorratsorte hauptsächlich beziehen; aber niemals kann das so weit gehen, daß sie allein für die Basis genommen werden könnten.

Sind diese Quellen der Ergänzung und Ernährung sehr reich, d. h. sind es große und reiche Länderstriche, sind sie zu schnellerer Wirksamkeit in größeren Anlagen gesammelt, sind sie auf die eine oder andere Weise gedeckt, liegen sie dem Heere nahe, führen gute Straßen zu ihnen, breiten sie sich weit hinter dem Heere aus oder umfassen dasselbe sogar teilweise, so entsteht daraus teils ein kräftigeres Leben für das Heer, teils eine größere Freiheit seiner Bewegungen. Diese Vorteile der Lage eines Heeres hat man in eine einzige Vorstellung zusammenfassen wollen, nämlich in der Größe der Operationsbasis. Mit dem Verhältnis dieser Basis zum Ziel der Unternehmungen, mit dem Winkel, den ihre Endpunkte mit diesem Ziel, als Punkt gedacht, machen, hat man die ganze Summe der Vorteile und Nachteile ausdrücken wollen, die einer Armee aus der Lage und Beschaffenheit ihrer Ernährungs- und Ergänzungsquellen erwachsen; aber es fällt in die Augen, daß diese geometrische Eleganz eine Spielerei ist, da sie auf einer Reihe von Substitutionen beruht, die alle auf Kosten der Wahrheit gemacht werden mußten. Die Basis eines Heeres bildet, wie wir gesehen haben, eine dreifache Abstufung, in welcher sich das Heer befindet: die Hilfsmittel der Gegend, die auf einzelnen Punkten gemachten Vorratsanlagen und das Gebiet, aus dem diese Vorräte sich sammeln. Diese drei Dinge sind örtlich getrennt, lassen sich nicht auf eins zurückführen und am wenigsten durch eine Linie vertreten, welche die Breitenausdehnung der Basis vorstellen soll, und die, meistens ganz willkürlich, entweder von der einen Festung zur anderen oder von einer Provinzialhauptstadt zur anderen oder längs den politischen Landesgrenzen gedacht wird. Auch ein bestimmtes Verhältnis jener drei Abstufungen läßt sich nicht feststellen, denn in der Wirklichkeit vermischen sich ihre Naturen immer mehr oder weniger. In dem einen Fall gibt die Umgegend mancherlei Ergänzungsmittel, die man sonst nur aus großer Ferne herbeizuziehen pflegt; in dem anderen ist man genötigt, sogar die Lebensmittel von weither kommen zu lassen. Hier sind die nächsten Festungen große Waffenplätze, Häfen, Handelsorte, die die Streitkräfte eines ganzen Staates in sich vereinigen, dort sind sie nichts als eine dürftige Umwallung, die sich kaum selbst genügt.

Die Folge ist gewesen, daß alle Folgerungen, welche man aus der Größe der Operationsbasis und der Operationswinkel gezogen, und das ganze System der Kriegführung, was man darauf gebaut hat, soweit es geometrischer Natur war, nie die kleinste Rücksicht in dem wirklichen Kriege gewonnen und in der Ideenwelt nur verkehrte Bestrebungen veranlaßt hat. Weil aber der Grund der Vorstellungsreihe wahr ist, und nur die Entwicklungen falsch sind, so wird diese Ansicht sich leicht und oft wieder vordrängen.

Wir glauben also, daß man dabei stehen bleiben muß, den Einfluß der Basis auf die Unternehmungen, daß und auf welche Weise sie stark und schwach sein kann, überhaupt anzuerkennen: daß es aber kein Mittel gibt, dies bis auf ein paar Vorstellungen als brauchbare Regel zu vereinfachen, sondern daß man in jedem einzelnen Fall alle Dinge, welche wir genannt haben, zugleich im Auge haben muß.

Sind die Anstalten zur Ergänzung und Ernährung des Heeres einmal in einem gewissen Bezirk und für eine gewisse Richtung getroffen, so ist selbst im eigenen Lande nur dieser Bezirk als die Basis des Heeres zu betrachten, und da eine Veränderung damit immer Zeit und Kraftaufwand nötig macht, so kann auch im eigenen Lande das Heer seine Basis nicht von einem Tage zum anderen verlegen, und darum ist es auch in der Richtung seiner Unternehmungen immer mehr oder weniger beschränkt. Wenn man also bei Unternehmungen im feindlichen Lande die ganze eigene Landesgrenze gegen dasselbe als die Basis des Heeres betrachten wollte, so könnte das wohl im allgemeinen gelten, insofern überall Einrichtungen getroffen werden könnten, aber nicht für jeden gegebenen Augenblick, weil nicht überall Einrichtungen getroffen sind. Als anfangs des Feldzuges von 1812 das russische Heer sich vor dem französischen zurückzog, konnte es freilich ganz Rußland als seine Basis um so mehr betrachten, als die großen Dimensionen dieses Landes dem Heer überall, wohin es sich auch wandte, große Flächenräume darbot. Diese Vorstellung war nicht illusorisch, sondern sie trat ins Leben, als später andere russische Heere von mehreren Seiten gegen das französische vordrangen; allein für jeden gegebenen Zeitabschnitt des Feldzuges war doch die Basis des russischen Heeres nicht ebenso groß, sondern sie war hauptsächlich in den Straßen vorhanden, auf welche der ganze Traktus der Transporte zum Heer und von demselben zurück eingerichtet war. Diese Beschränktheit verhinderte z. B. das russische Heer, nachdem es sich bei Smolensk 3 Tage geschlagen hatte, den weiter nötig gewordenen Rückzug in einer anderen Richtung als auf Moskau anzutreten und sich, wie man vorgeschlagen hatte, plötzlich gegen Kaluga zu wenden, um den Feind von Moskau abzuziehen. Eine solche veränderte Richtung wäre nur möglich gewesen, insofern sie lange vorgesehen war. Wir haben gesagt, daß die Abhängigkeit von der Basis mit der Größe des Heeres extensiv und intensiv wächst, welches an sich verständlich ist. Das Heer gleicht einem Baume; aus dem Boden, worauf er wächst, zieht er seine Lebenskräfte; ist er klein und ein bloßer Strauch, so kann er leicht verpflanzt werden, dies wird aber schwierig und immer schwieriger, je größer er wird. Ein kleiner Haufe hat auch seine Lebenskanäle, aber er schlägt leicht Wurzel, wo er sich befindet, nicht so ein zahlreiches Heer. Wenn also von dem Einfluß der Basis auf die Unternehmungen die Rede ist, so muß allen Vorstellungen immer der Maßstab zum Grunde liegen, welchen die Größe des Heeres angibt.

Ferner ist es in der Natur der Dinge, daß für das augenblickliche Bedürfnis die Ernährung, für das allgemeine Bestehen durch längere Zeiträume aber die Ergänzung wichtiger ist, weil die letztere nur aus bestimmten Quellen fließt, die erstere aber auf mannigfaltige Weise beschafft werden kann; dies bestimmt wieder den Einfluß näher, welchen die Basis auf die Unternehmungen haben wird.

So groß nun dieser Einfluß sein kann, so darf man doch nie vergessen, daß er zu denjenigen gehört, welche viel Zeit brauchen, ehe sie eine entscheidende Wirkung haben, und daß also immer die Frage ist, was in dieser Zeit geschehen kann. Der Wert der Operationsbasis wird also bei der Wahl einer Unternehmung von vornherein selten entscheiden, er wird es wenigstens nur dann, wenn man das Unmögliche fordert. Die bloße Schwierigkeit, welche von dieser Seite entstehen kann, muß mit den anderen wirksamen Mitteln zusammengestellt und verglichen werden; oft sinken diese Hindernisse vor der Kraft entscheidender Siege zusammen.



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