CLAUSEWITZ: VOM KRIEGE
From the first edition of Vom Kriege


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VIERTES BUCH

Das Gefecht

Zwölftes Kapitel:
Strategische Mittel, den Sieg zu benutzen

 

Das Schwierigere, den Sieg möglichst vorzubereiten, ist ein stilles Verdienst der Strategie, sie wird kaum darüber belobt. Glänzend und ruhmvoll erscheint sie, indem sie den erfochtenen Sieg benutzt.

Welchen besonderen Zweck die Schlacht haben kann, wie sie in das ganze System des Krieges eingreift, bis wohin die Siegesbahn nach der Natur der Verhältnisse führen kann, wo ihr Kulminationspunkt liegt, alles das kann uns erst in der Folge beschäftigen. Aber für alle denkbaren Verhältnisse bleibt es wahr, daß ohne Verfolgen kein Sieg eine große Wirkung haben kann, und daß, wie kurz auch die Siegesbahn sein mag, sie immer über die ersten Schritte des Verfolgens hinausführen muß, und um dies nicht bei jeder Gelegenheit wieder zu sagen, wollen wir bei dieser notwendigen Zugabe des Überwindens im allgemeinen einen Augenblick verweilen.

Das Verfolgen eines geschlagenen Gegners hebt mit dem Augenblick an, wo dieser, das Gefecht aufgebend, seinen Platz verläßt; alle früheren hin- und hergehenden Bewegungen können dazu nicht gerechnet werden, sondern gehören der Schlachtentwicklung selbst an. Gewöhnlich ist der Sieg in dem hier bezeichneten Augenblick, wenngleich unzweifelhaft, doch noch sehr klein und schwach und würde in der Reihe der Begebenheiten nicht viel positive Vorteile gewähren, wenn er nicht durch das Verfolgen des ersten Tages vervollständigt würde. Da werden, wie wir gesagt haben, meistens erst die Trophäen geerntet, die den Sieg verkörpern. Über dieses Verfolgen wollen wir zunächst sprechen.

Gewöhnlich kommen beide Teile mit sehr geschwächten körperlichen Kräften in die Schlacht, denn die Bewegungen, welche unmittelbar vorhergehen, haben meistens den Charakter dringender Umstände. Die Anstrengungen, welche das Ausringen eines langen Kampfes kostet, vollenden die Erschöpfung; dazu kommt, daß der siegende Teil nicht viel weniger durcheinander gekommen und aus seinen ursprünglichen Ordnungsfugen gewichen ist als der besiegte, und also das Bedürfnis hat, sich zu ordnen, die Zerstreuten zu sammeln, die, welche sich verschossen haben, mit frischer Munition zu versehen. Alle diese Umstände versetzen den Sieger selbst in einen Zustand der Krise, wovon wir schon gesprochen haben. Ist nun der Geschlagene nur ein untergeordneter Teil gewesen, der von anderen aufgenommen werden kann, oder hat er sonst irgendeine bedeutende Verstärkung zu erwarten, so kann der Sieger leicht in die evidente Gefahr kommen, seinen Sieg wieder einzubüßen, und diese Betrachtung macht in solchem Fall dem Verfolgen bald ein Ende oder legt ihm wenigstens starke Zügel an. Aber selbst da, wo eine namhafte Verstärkung des Geschlagenen nicht zu befürchten ist, findet in den oben angegebenen Umständen der Sieger ein starkes Gegengewicht seiner Schnellkraft beim Verfolgen. Es ist zwar ein Entreißen des Sieges nicht zu befürchten, aber nachteilige Gefechte bleiben doch möglich und können die bis dahin erhaltenen Vorteile schwächen. Außerdem hängt sich nun das ganze Gewicht des sinnlichen Menschen mit seinen Bedürfnissen und Schwächen an den Willen des Feldherrn. Alle die Tausende, welche unter seinem Befehl stehen, haben das Bedürfnis nach Ruhe und Stärkung, haben das Verlangen, die Schranken der Gefahr und Arbeit vorderhand geschlossen zu sehen; nur wenige, die man als Ausnahme betrachten kann, sehen und fühlen über den gegenwärtigen Augenblick hinaus, nur in diesen wenigen ist noch soviel freies Spiel des Mutes, um, nachdem das Notwendige vollbracht ist, auch noch an diejenigen Erfolge zu denken, die in solchem Augenblick wie eine bloße Verschönerung des Sieges, wie ein Luxus des Triumphes erscheinen. Alle jene Tausende aber haben ihre Stimme im Rat des Feldherrn, denn durch die ganze Stufenfolge der übereinandergestellten Führer haben diese Interessen der sinnlichen Menschen ihren sicheren Leiter bis ins Herz des Feldherrn. Dieser selbst ist mehr oder weniger durch geistige und körperliche Anstrengung in seiner inneren Tätigkeit geschwächt, und so geschieht es denn, daß meistens aus diesem rein menschlichen Grunde weniger geschieht als geschehen könnte, und daß überhaupt, was geschieht, nur von dem Ruhmdurst, der Energie und auch wohl der Härte des obersten Feldherrn abhängt. Nur so läßt sich die zaghafte Weise erklären, mit der wir viele Feldherren den Sieg, welchen ihnen die Übermacht gegeben, verfolgen sehen. Das erste Verfolgen des Sieges wollen wir im ganzen auf den ersten Tag und allenfalls die sich daranschließende Nacht beschränken, denn jenseits dieses Abschnittes wird die Notwendigkeit der eigenen Erholung in jedem Fall Stillstand gebieten.

Dieses erste Verfolgen nun hat verschiedene natürliche Grade.

Der erste ist, wenn es mit bloßer Reiterei geschieht; dann ist es im Grunde mehr ein Schrecken und Beobachten als ein wahrhaftes Drängen, weil der kleinste Bodenabschnitt gewöhnlich hinreicht, den Verfolgenden aufzuhalten. Soviel die Reiterei bei einer erschütterten und geschwächten Truppe gegen den einzelnen Haufen vermag, so ist sie doch gegen das Ganze immer nur wieder die Hilfswaffe, weil der Abziehende seine frischen Reserven zur Deckung seines Rückzuges verwenden und so beim nächsten unbedeutendsten Bodenabschnitt durch die Verbindung aller Waffen mit Erfolg widerstehen kann. Nur ein in wahrer Flucht und gänzlicher Auflösung befindliches Heer macht hier eine Ausnahme.

Der zweite Grad ist, wenn die Verfolgung durch eine starke Avantgarde von allen Waffen geschieht, wobei natürlich der größte Teil der Reiterei sich befindet. Ein solches Verfolgen drängt den Gegner bis zur nächsten starken Stellung seiner Arrieregarde oder bis zur nächsten Aufstellung seines Heeres. Zu beiden findet sich gewöhnlich nicht sogleich Gelegenheit, und das Verfolgen reicht also weiter; meistens übersteigt es aber nicht die Weite von einer, höchstens von ein paar Stunden, weil die Avantgarde sich sonst nicht hinreichend unterstützt glaubt.

Der dritte und stärkste Grad ist, wenn das siegreiche Heer selbst im Vorgehen bleibt, soweit die Kräfte reichen. In diesem Fall wird der Geschlagene die meisten Aufstellungen, wozu ihm die Gegend einige Gelegenheit bietet, auf die bloßen Anstalten eines Angriffs oder einer Umgebung wieder verlassen, und die Arrieregarde sich noch weniger in einen hartnäckigen Widerstand verwickeln.

In allen drei Fällen macht gewöhnlich die Nacht, wenn sie vor Beendigung des ganzen Aktes eintritt, ihm ein Ende, und die wenigen Fälle, wo dies nicht geschieht, und das Verfolgen die Nacht hindurch fortgesetzt wird, müssen als ein ganz besonders verstärkter Grad desselben betrachtet werden.

Wenn man bedenkt, daß bei nächtlichen Gefechten alles mehr oder weniger dem Zufall überlassen, und daß im Ausgang einer Schlacht ohnehin der ordnungsmäßige Zusammenhang und Hergang sehr gestört ist, so wird man wohl die Scheu begreifen, welche beide Feldherren haben, ihr Geschäft in die Dunkelheit der Nacht hinein fortzusetzen. Wenn nicht eine gänzliche Auflösung des Besiegten oder eine seltene Überlegenheit des siegenden Heeres an kriegerischer Tugend den Erfolg sichert, so würde alles ziemlich dem Fatum anheimgegeben sein, welches nicht das Interesse irgendeines, selbst des verwegensten Feldherrn sein kann. In der Regel macht also die Nacht dem Verfolgen ein Ende, auch selbst da, wo die Schlacht sich erst kurz vor ihrem Einbruch entschieden hat. Sie gestattet dem Besiegten entweder unmittelbar einen Akt der Ruhe und des Sammelns oder, wenn er den Rückzug während der Nacht fortsetzt, den Vorsprung dazu. Nach diesem Abschnitt ist der Besiegte schon wieder in einem merklich besseren Zustande. Vieles von dem, was aus- und durcheinander gekommen war, hat sich wieder gefunden, die Munition ist erneuert, das Ganze zu einer neuen Ordnung zusammengestellt. Was er nun gegen den Sieger ferner zu bestehen hat, ist ein neues Gefecht, nicht die Verlängerung des alten, und ist dieses auch weit entfernt, einen absolut guten Ausgang zuzulassen, so ist es doch ein neuer Kampf und nicht bloß des Siegers Auflesen zusammengefallener Trümmer.

In den Fällen also, wo der Sieger das Verfolgen selbst die Nacht hindurch fortsetzen darf, wäre es auch nur mit einer aus allen Waffen bestehenden starken Avantgarde, wird die Wirkung des Sieges außerordentlich verstärkt werden, wovon die Schlachten bei Leuthen und Belle-Alliance Beispiele geben.

Die ganze Tätigkeit dieses Verfolgens ist im Grunde eine taktische, und wir verweilen bloß bei ihr, um uns des Unterschiedes deutlicher bewußt zu werden, der dadurch in die Wirkung der Siege gebracht wird.

Dieses erste Verfolgen bis zum nächsten Stationspunkt ist ein Recht jedes Siegers und kaum in irgendeiner Abhängigkeit von seinen weiteren Plänen und Verhältnissen. Diese können die positiven Erfolge eines Sieges mit der Hauptmacht sehr verringern, aber diese erste Benutzung desselben können sie nicht unmöglich machen, wenigstens würden Fälle der Art, wenn man sie sich auch denken könnte, von solcher Seltenheit sein, daß sie keinen merklichen Einfluß auf die Theorie haben dürften. Und hier ist allerdings, wo man sagen muß, daß das Beispiel der neueren Kriege ein ganz neues Feld der Energie eröffnet hat. Es war in den früheren, auf einer schmaleren Grundlage ruhenden, von engeren Grenzen umschlossenen Kriegen, wie in vielen anderen Punkten, besonders auch in diesem eine unnotwendige konventionelle Beschränktheit entstanden. Der Begriff, die Ehre des Sieges schienen den Feldherren so sehr die Hauptsache, daß sie an die eigentliche Vernichtung der feindlichen Streitkraft dabei weniger dachten, wie denn diese Vernichtung der Streitkraft ihnen nur wie eins von den vielen Mitteln des Krieges, nicht einmal wie das Hauptmittel, geschweige denn wie das einzige erschien. Um so lieber steckten sie den Degen in die Scheide, sobald der Gegner den seinigen gesenkt hatte. Es schien ihnen nichts natürlicher, als den Kampf einzustellen, sobald die Entscheidung gegeben war, und alles fernere Blutvergießen wie unnütze Grausamkeit. Wenn diese falsche Philosophie auch nicht den ganzen Entschluß ausmachte, so gab sie doch den Gesichtspunkt, unter welchem die Vorstellungen von Erschöpfung aller Kräfte und physischer Unmöglichkeit der Fortsetzung des Kampfes leichter Eingang und starkes Gewicht fanden. Freilich liegt die Schonung seines eigenen Siegesinstrumentes nahe genug, wenn man nur dies eine besitzt und voraussieht, daß bald ein Zeitpunkt kommen wird, wo es ohnehin nicht zureicht für alles, was man dann zu tun hat, wie denn in der Regel jedes Fortschreiten in der Offensive dazu führt. Allein diese Rechnung war doch insofern falsch, als offenbar der weitere Verlust an Streitkräften, den man beim Verfolgen erleiden konnte, mit dem feindlichen in gar keinem Verhältnis stand. Jene Betrachtung konnte also eben nur wieder entstehen, indem man die Streitkräfte nicht als die Hauptsache betrachtete. So finden wir denn, daß in den früheren Kriegen nur die eigentlichen Heroen wie Karl XII., Marlborough, Eugen, Friedrich der Große ihren Siegen da, wo sie entschieden genug waren, eine kräftige Verfolgung hinzufügten, und daß die anderen Feldherren sich gewöhnlich mit dem Besitz des Schlachtfeldes begnügten. In der neueren Zeit hat die größere Energie, welche die Kriegführung durch die größeren Verhältnisse bekommen hatte, aus denen sie hervorgegangen war, diese konventionellen Schranken vernichtet; das Verfolgen ist ein Hauptgeschäft des Siegers geworden, die Trophäen haben deswegen an Umfang sehr zugenommen, und wenn man auch in neueren Schlachten Fälle sieht, wo dies nicht ist, so gehören sie doch zu den Ausnahmen und sind immer durch besondere Umstände motiviert.

Bei Görschen und Bautzen verhinderte nur Überlegenheit der verbündeten Reiterei eine gänzliche Niederlage; bei Großbeeren und Dennewitz das Mißwollen des Kronprinzen von Schweden, bei Laon des alten Blüchers schwacher persönlicher Zustand.

Aber auch Borodino ist ein hierher gehöriges Beispiel, und wir können uns nicht enthalten, ein paar Worte mehr darüber zu sagen, teils weil wir nicht glauben, daß die Sache mit einem bloßen Tadel Bonapartes abgemacht sei, teils weil es scheinen möchte, als gehörte dieser und mit ihm eine große Zahl ähnlicher Fälle zu denjenigen, welche wir als so äußerst selten betrachtet haben, wo die allgemeinen Verhältnisse den Feldherrn schon am Ausgang seiner Schlacht ergreifen und fesseln. Es haben namentlich französische Schriftsteller und große Verehrer Bonapartes (Vaudoncourt, Chambray, Ségur) ihn entschieden darüber getadelt, daß er das russische Heer nicht gänzlich vom Schlachtfelde vertrieben und seine letzten Kräfte zur Zertrümmerung desselben angewendet habe, weil dann, was jetzt eine bloß verlorene Schlacht war, eine völlige Niederlage geworden sein würde. Es würde uns hier zu weit führen, die gegenseitige Lage beider Heere umständlich darzustellen; aber soviel ist klar, daß Bonaparte, der, als er über den Njemen ging, in denjenigen Korps, welche in der Folge die Schlacht von Borodino schlugen, 300000 Mann gehabt hatte, wovon jetzt nur 120000 übrig waren, wohl die Besorgnis haben konnte, er werde nicht genug übrig behalten, um auf Moskau marschieren zu können, welches der Punkt war, auf den alles anzukommen schien. Ein Sieg, wie er ihn erfochten hatte, gab ihm ziemlich die Gewißheit von der Einnahme dieser Hauptstadt, denn daß die Russen innerhalb 8 Tagen eine zweite Schlacht liefern konnten, schien höchst unwahrscheinlich; in Moskau aber hoffte er den Frieden zu finden. Freilich würde ein zertrümmertes russisches Heer ihm diesen Frieden viel gewisser gemacht haben, aber die erste Bedingung war doch immer, hinzukommen, d. h. mit einer Macht hinzukommen, mit welcher er die Hauptstadt und durch sie dem Reich und der Regierung als ein Gebieter erschien. Was er nach Moskau brachte, reichte dazu nicht mehr hin, wie die Folge gezeigt hat, es würde aber noch weniger der Fall gewesen sein, wenn er an der Zertrümmerung des russischen Heeres sein eigenes mitzertrümmert hätte, und Bonaparte fühlte das durch und durch, und er erscheint in unseren Augen vollkommen gerechtfertigt. Darum ist aber dieser Fall doch nicht zu denen zu zählen, wo dem Feldherrn durch die allgemeinen Verhältnisse schon das erste Verfolgen seines Sieges untersagt ist. Es war nämlich noch gar nicht vom bloßen Verfolgen die Rede. Der Sieg war nachmittags um 4 Uhr entschieden, aber die Russen hatten den größten Teil des Schlachtfeldes noch inne und wollten ihn auch noch nicht räumen, sondern würden bei Erneuerung des Angriffs noch hartnäckigen Widerstand getan haben, der zwar gewiß mit ihrer gänzlichen Niederlage geendigt, aber dem Gegner noch viel Blut gekostet hätte. Man muß also die Schlacht von Borodino zu den Schlachten rechnen, die, wie die von Bautzen, nicht ganz ausgeschlagen worden sind. Bei Bautzen war es der Besiegte, welcher vorzog, das Schlachtfeld früher zu verlassen; bei Borodino der Sieger, welcher vorzog, sich mit einem halben Siege zu begnügen, nicht weil ihm die Entscheidung zweifelhaft schien, sondern weil er nicht reich genug war, den ganzen zu bezahlen.

Kehren wir zu unserem Gegenstand zurück, so ergibt sich aus unseren Betrachtungen als Resultat in Beziehung auf das erste Verfolgen: daß die Energie, mit welcher dies geschieht, den Wert des Sieges hauptsächlich bestimmt, daß dies Verfolgen ein zweiter Akt des Sieges ist, in vielen Fällen sogar wichtiger als der erste, und daß die Strategie, indem sie sich hier der Taktik nähert, um von ihr das vollendete Werk in Empfang zu nehmen, den ersten Akt ihrer Autorität darin bestehen läßt, diese Vervollständigung des Sieges zu fordern.

Aber auch bei diesem ersten Verfolgen bleibt die Wirksamkeit des Sieges in den seltensten Fällen stehen, und es fängt nur erst die eigentliche Bahn an, wozu der Sieg die Schnellkraft verliehen. Diese Bahn bedingt sich, wie wir schon gesagt haben, nach den übrigen Verhältnissen, von welchen hier noch nicht die Rede sein soll. Aber wir dürfen doch dasjenige des Verfolgens, was einen allgemeinen Charakter hat, hier aufnehmen, um uns nicht bei allen Gelegenheiten, wo es vorkommen könnte, darin zu wiederholen.

Bei dem weiteren Verfolgen kann man wieder drei Grade unterscheiden: ein bloßes Nachrücken, ein eigentliches Drängen und ein Parallelmarsch zum Abschneiden.

Das bloße Nachrücken motiviert den weiteren Rückzug des Feindes so lange, bis er glaubt, uns wieder ein Gefecht anbieten zu können; es würde also hinreichen, das erlangte Übergewicht in seiner Wirkung zu erschöpfen, und wird uns außerdem alles, was der Geschlagene nicht mit sich fortbringen kann, Verwundete, Kranke, Ermüdete, manches an Gepäck und Fuhrwerk aller Art in die Hände liefern. Aber dies bloße Nachziehen erhöht den Zustand der Auflösung beim Gegner nicht, welches die beiden folgenden Grade bewirken.

Wenn wir nämlich, anstatt uns zu begnügen, dem Feinde in sein altes Lager zu folgen und immer soviel von der Gegend einzunehmen, als er uns lassen will, unsere Einrichtung so treffen, jedesmal etwas mehr von ihm zu verlangen, also mit unserer dazu gehörig eingerichteten Avantgarde jedesmal seine Arrieregarde anzugreifen, sooft sie ihre Aufstellung nehmen will, so wird dies die Bewegung des Feindes beschleunigen und also seine Auflösung befördern. - Hauptsächlich aber wird es dies letztere bewirken durch den Charakter von ruheloser Flucht, den sein Rückzug dadurch annehmen wird. Nichts macht auf den Soldaten einen so widerwärtigen Eindruck, als wenn in dem Augenblick, wo er sich nach einem angestrengten Marsche der Ruhe überlassen will, sich das feindliche Geschütz schon wieder hören läßt; wiederholt sich dieser Eindruck eine Zeitlang hindurch täglich, so kann er zum panischen Schrecken führen. Es liegt darin das beständige Anerkenntnis, dem Gesetz des Gegners gehorchen zu müssen und zu keinem Widerstande fähig zu sein, und dieses Bewußtsein kann nicht anders als die moralische Kraft des Heeres in einem hohen Grade schwächen. Am höchsten wird die Wirksamkeit dieses Drängens steigen, wenn man den Gegner dadurch zu Nachtmärschen zwingt. Scheucht der Sieger den Geschlagenen beim Sonnenuntergang aus dem Lager wieder auf, welches sich dieser ausersehen hat, sei es für das Heer selbst oder für die Arrieregarde, so wird der Besiegte entweder einen förmlichen Nachtmarsch tun oder wenigstens seine Stellung noch in der Nacht verändern und weiter rückwärts verlegen, welches ungefähr dasselbe ist; der Sieger aber kann die Nacht ruhig zubringen.

Die Anordnung der Märsche und die Wahl der Aufstellungen hängen auch in diesem Fall von so vielen anderen Dingen ab, besonders von der Verpflegung, von starken Abschnitten des Bodens, von großen Städten usw., daß es eine lächerliche Pedanterie sein würde, durch eine geometrische Auseinandersetzung zu zeigen, wie der Verfolgende dadurch, daß er dem Zurückgehenden das Gesetz gibt, diesen zwingen kann, jedesmal des Nachts zu marschieren, während er selbst des Nachts ruht. Allein nichtsdestoweniger bleibt es wahr und anwendbar, daß die Marscheinrichtungen des Verfolgens diese Tendenz haben können und dann die Wirksamkeit des Verfolgens sehr erhöhen werden. Wenn dies in der Ausführung selten berücksichtigt wird, so liegt es darin, daß ein solches Verfahren auch für das verfolgende Heer schwieriger ist als ein regelmäßiges Innehalten der Stationen und der Tageszeit. Des Morgens bei guter Zeit aufbrechen, um mittags sein Lager einzunehmen, den übrigen Tag zur Beschaffung der Bedürfnisse und die Nacht zur Ruhe zu benutzen, ist eine viel bequemere Methode, als seine Bewegungen genau nach den feindlichen einzurichten, mithin immer erst im letzten Augenblick zu bestimmer, bald morgens bald abends aufzubrechen, sich immer mehrere Stunden im Angesicht des Feindes zu befinden, Kanonenschüsse mit ihm zu wechseln, Plänkeleien zu unterhalten, Umgehungen anzuordnen, kurz den ganzen Aufwand von taktischen Maßregeln zu machen, der dadurch erforderlich wird. Das lastet natürlich mit einem bedeutenden Gewicht auf dem verfolgenden Heer, und im Kriege, wo es der Lasten soviele gibt, sind die Menschen immer geneigt, sich die abzustreifen, die nicht gerade notwendig scheinen. Diese Betrachtungen bleiben wahr, sie mögen auf das ganze Heer oder, was der gewöhnliche Fall ist, auf eine starke Avantgarde anzuwenden sein. Aus den eben berührten Gründen sieht man denn dieses Verfolgen des zweiten Grades, dieses beständige Drängen des Besiegten ziemlich selten vorkommen. Selbst Bonaparte in seinem russischen Feldzuge von 1812 hat es wenig getan aus dem hier sehr in die Augen springenden Grunde, daß die Schwierigkeiten und Mühseligkeiten dieses Feldzuges sein Heer ohnehin schon mit einer völligen Vernichtung bedrohten, ehe er das Ziel erreicht haben würde; dagegen haben die Franzosen in ihren anderen Feldzügen sich auch in diesem Punkt durch ihre Energie ausgezeichnet.

Der dritte und der wirksamste Grad des Verfolgens ist endlich der Parallelmarsch nach dem nächsten Ziel des Rückzuges.

Jedes geschlagene Heer wird natürlich hinter sich, näher oder entfernter, einen Punkt haben, dessen Erreichung ihm zunächst sehr am Herzen liegt; sei es, daß sein fernerer Rückzug dadurch gefährdet werden kann, wie bei Straßenengen, oder daß es für den Punkt selbst wichtig ist, ihn vor dem Feinde zu erreichen, wie bei Hauptstädten, Magazinen usw., oder endlich, daß das Heer auf diesem Punkt neue Widerstandsfähigkeit gewinnen kann, wie bei festen Stellungen, Vereinigung mit anderen Korps usw.

Richtet nun der Sieger auf einer Seitenstraße seinen Marsch auf diesen Punkt, so ist an sich klar, wie das den Rückzug des Besiegten auf eine verderbliche Art beschleunigen, in Eile, zuletzt in Flucht verwandeln könne. Der Besiegte hat nur drei Wege, dem entgegenzuwirken. Der erste würde sein, sich dem Feinde selbst entgegenzuwerfen und durch einen unverhofften Angriff sich die Wahrscheinlichkeit des Erfolges zu verschaffen, die ihm seiner Lage nach im allgemeinen abgehen muß; dies setzt offenbar einen unternehmenden, kühnen Feldherrn und ein vortreffliches Heer voraus, welches besiegt, aber nicht in einer völligen Niederlage begriffen wäre; es dürfte also wohl in den wenigsten Fällen von dem Besiegten angewendet werden.

Der zweite Weg ist die Beschleunigung des Rückzuges. Diese aber ist eben, was der Sieger will; und sie führt leicht zu übermäßiger Anstrengung der Truppen, wo denn in Scharen von Nachzüglern, in zerbrochenen Geschützen und Fahrzeugen aller Art unerhörte Verluste gemacht werden.

Der dritte Weg ist das Ausbiegen, um die nächsten Abschneidungspunkte zu umgehen und in einer größeren Entfernung vom Feinde mit weniger Anstrengung zu marschieren und so die Eile unschädlicher zu machen. Dieser letzte Weg ist der allerschlimmste, da er gewöhnlich nur wie neues Borgen eines unzahlungsfähigen Schuldners zu betrachten ist und zu noch größerer Verlegenheit führt. Es gibt wohl Fälle, wo dieser Weg ratsam ist, andere, wo er allein übrigbleibt, auch Beispiele, wo er gelungen ist, aber im allgemeinen ist es gewiß wahr, daß weniger die klare Überzeugung, auf diesem Wege das Ziel sicherer zu erreichen, als ein anderer, unzulässiger Grund in denselben hineinzudrängen pflegt. Dieser Grund ist die Angst, mit dem Feinde handgemein zu werden. Wehe dem Feldherrn, der sich dieser hingibt. Wie sehr auch die moralische Kraft des Heeres gelitten habe, und wie gerecht die Besorgnisse sein mögen, bei jedem Zusammentreffen mit dem Feinde von dieser Seite im Nachteil zu sein, so wird das Übel durch das ängstliche Vermeiden aller Gelegenheit dazu nur schlimmer. Bonaparte würde im Jahre 1813 auch die 30 bis 40000 Mann nicht über den Rhein gebracht haben, welche ihm nach der Schlacht von Hanau blieben, hätte er dieser Schlacht ausweichen und bei Mannheim oder Koblenz über den Rhein gehen wollen. Gerade durch kleine Gefechte, die mit Sorgfalt eingeleitet und geführt werden, und wobei dem Besiegten doch immer der Beistand der Gegend bleibt, weil er der Verteidiger ist, gerade durch diese kann die moralische Kraft des Heeres am ersten wieder gehoben werden.

Unglaublich ist die wohltätige Einwirkung des kleinsten Erfolges. Aber es gehört bei den meisten Führern eine Überwindung zu diesem Versuch; der andere Weg, der des Ausweichens, erscheint im ersten Augenblick soviel leichter, daß er meistens vorgezogen wird. Es ist also gewöhnlich gerade dieses Ausweichen, welches die Absicht des Siegers am meisten befördert und oft mit dem völligen Untergang des Besiegten endet. Wir müssen aber hierbei daran erinnern, daß vom ganzen Heere und nicht von einer einzelnen Abteilung die Rede ist, die, abgeschnitten, durch einen Umweg wieder zu den übrigen zu stoßen sucht; bei dieser sind die Verhältnisse anders und das Gelingen nicht ungewöhnlich. Eine Bedingung bei diesem Wettlauf um das Ziel aber ist, daß eine Abteilung des verfolgenden Heeres dem verfolgten auf gerader Straße nachziehe, um alles, was zurückbleibt, aufzulesen und den Eindruck, welchen die Gegenwart des Feindes immer macht, nicht zu versäumen. Dies hat Blücher in seinem übrigens musterhaften Verfolgungszug von Belle-Alliance bis Paris versäumt.

Solche Märsche schwächen den Verfolger freilich mit, und sie würden nicht zu raten sein, wenn das feindliche Heer von einem anderen, beträchtlichen, aufgenommen wird, wenn es einen ausgezeichneten Feldherrn an der Spitze hat und seine Vernichtung nicht schon sehr vorbereitet ist. Aber da, wo man sich dieses Mittel erlauben darf, wirkt es auch wie eine große Maschine. Das geschlagene Heer verliert dabei so unverhältnismäßig durch Erkrankte und Ermüdete, und der Geist wird durch die beständige Besorgnis, verloren zu sein, so geschwächt und heruntergebracht, daß zuletzt an einen ordentlichen Widerstand kaum noch zu denken ist; mit jedem Tage werden Tausende von Gefangenen eingebracht, ohne daß ein Schwertstreich fällt. In solcher Zeit des vollen Glücks darf der Sieger keine Teilung seiner Kräfte scheuen, um alles, was er mit seiner Armee erreichen kann, mit in den Strudel hineinzuziehen, entsendete Haufen abzuschneiden, unvorbereitete Festungen zu nehmen, große Städte zu besetzen usw. Er darf sich alles erlauben, bis ein neuer Zustand eintritt, und je mehr er sich erlaubt, um so später wird dieser eintreten.

An Beispielen so glänzender Wirkungen großer Hauptsiege und großartiger Verfolgung fehlt es in den Kriegen Bonapartes nicht. Wir dürfen nur an die Schlachten von Jena, Regensburg, Leipzig und Belle-Alliance erinnern.



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