CLAUSEWITZ: VOM KRIEGE
From the first edition of Vom Kriege


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VIERTES BUCH

Das Gefecht

Zehntes Kapitel:
Fortsetzung

 

Wirkung des Sieges

Man kann sich, je nachdem man seinen Standpunkt nimmt, ebenso sehr verwundern über die außerordentlichen Erfolge, welche manche große Schlachten gehabt haben, als über den Mangel an Erfolg bei anderen. Wir wollen jetzt einen Augenblick bei der Natur der Wirkung verweilen, welche ein großer Sieg hat.

Wir können hier leicht drei Dinge unterscheiden: die Wirkung auf die Instrumente selbst, nämlich auf die Feldherren und ihre Heere, die Wirkung auf die beteiligten Staaten, und den eigentlichen Erfolg, welchen diese Wirkungen in dem weiteren Verlauf des Krieges zeigen.

Wer nur an den unbedeutenden Unterschied denkt, der an Toten, Verwundeten, Gefangenen und verlorenen Geschützen auf dem Schlachtfelde selbst zwischen Sieger und Besiegten zu bestehen pflegt, dem scheinen die Folgen, welche sich aus diesem unbedeutenden Punkt entwickeln, oft ganz unbegreiflich, und doch geht gewöhnlich alles nur zu natürlich zu.

Wir haben schon im siebenten Kapitel gesagt, daß die Größe eines Sieges nicht bloß steigt in dem Maße, wie die besiegten Streitkräfte an Umfang zunehmen, sondern in höheren Graden. Die moralischen Wirkungen, welche der Ausgang eines großen Gefechts hat, sind größer bei dem Besiegten und beim Sieger, sie werden Veranlassung zu größeren Verlusten an physischen Kräften, die dann wieder auf die moralischen zurückwirken und so sich gegenseitig tragen und steigern. Auf diese moralische Wirkung muß man also ein besonderes Gewicht legen. Sie findet in entgegengesetzter Richtung bei beiden Teilen statt: wie sie die Kräfte des Besiegten untergräbt, so erhöht sie die Kräfte und Tätigkeit des Siegers. Aber die Hauptwirkung liegt doch in dem Besiegten, denn hier wird sie die unmittelbare Ursache zu neuen Verlusten, und außerdem ist sie mit der Gefahr, den Anstrengungen und Mühseligkeiten, überhaupt mit allen erschwerenden Umständen, zwischen welchen der Krieg sich bewegt, homogener Natur, tritt also mit ihnen in Bund und wächst durch ihren Beistand, während beim Sieger sich alle diese Dinge wie Gewichte an den höheren Schwung seines Mutes legen. Man findet also, daß der Besiegte sich viel tiefer unter der Linie des ursprünglichen Gleichgewichts hinuntersenkt, als der Sieger sich darüber erhebt, darum haben wir, wenn wir von der Wirkung des Sieges sprechen, hauptsächlich die im Auge, welche sich bei dem besiegten Heere kundtut. Ist diese Wirkung in einem Gefechte von großem Umfang stärker als in einem von kleinem, so ist sie in der Hauptschlacht wieder viel stärker als in einem untergeordneten Gefecht. Die Hauptschlacht ist um ihrer selbst willen da, um des Sieges willen, den sie geben soll, und der in ihr mit der höchsten Anstrengung gesucht wird. Hier an dieser Stelle, in dieser Stunde den Gegner zu überwinden, ist die Absicht, in welcher der ganze Kriegsplan mit allen seinen Fäden zusammenläuft, alle entfernte Hoffnungen und dunkle Vorstellungen von der Zukunft sich zusammenfinden; es tritt das Schicksal vor uns hin, um die Antwort auf die dreiste Frage zu geben. - Dies ist die Geistesspannung, nicht bloß des Feldherrn, sondern seines ganzen Heeres bis zum letzten Troßknecht hinab; freilich in abstufender Stärke, aber auch in sich abstufender Wichtigkeit. Zu allen Zeiten und nach der Natur der Dinge waren Hauptschlachten niemals unvorbereitete, unerwartete, blinde Dienstverrichtungen, sondern ein großartiger Akt, der aus der Masse der gewöhnlichen Tätigkeiten teils von selbst, teils nach der Absicht der Führer hinreichend hervortritt, um die Spannung aller Gemüter höher zu stimmen. Je höher aber diese Spannung auf den Ausgang ist, um so stärker muß die Wirkung desselben sein.

Wieder größer ist die moralische Wirkung des Sieges in unseren Schlachten, als sie in den früheren der neueren Kriegsgeschichte war. Sind jene, wie wir sie geschildert haben, ein wahres Ausringen der Kräfte, so entscheidet die Summe dieser Kräfte, der physischen wie der moralischen, mehr als einzelne Anordnungen oder gar Zufälle.

Einen Fehler, den man gemacht, kann man das nächste Mal verbessern, vom Glück und Zufall kann man ein andermal mehr Gunst erwarten; aber die Summe der moralischen und physischen Kräfte pflegt sich nicht so schnell zu ändern, und so scheint, was der Ausspruch eines Sieges über sie entschieden hat, für die ganze Zukunft von viel größerer Bedeutung. Zwar haben wohl von allen in und außer einem Heere durch eine Schlacht Beteiligten die wenigsten über solchen Unterschied nachgedacht, aber der Hergang der Schlacht selbst drückt den Gemütern aller darin Befindlichen ein solches Resultat auf, und die Erzählung dieses Herganges in den öffentlichen Berichten, wie sie auch durch einzelne hineingezwängte Umstände beschönigt werden mag, zeigt auch mehr oder weniger der übrigen Welt, daß die Ursachen mehr im ganzen als in Einzelheiten lagen.

Wer sich nie in einer großen verlorenen Schlacht befunden hat, wird Mühe haben, sich eine lebendige und folglich eine ganz wahre Vorstellung davon zu machen, und die abstrakten Vorstellungen von diesem oder jenem kleinen Verlust werden den eigentlichen Begriff einer verlorenen Schlacht niemals ausfüllen. Verweilen wir einen Augenblick bei dem Bilde.

Das erste, was sich der Einbildungskraft, und man kann auch wohl sagen des Verstandes, in einer unglücklichen Schlacht bemächtigt, ist das Zusammenschmelzen der Massen, dann der Verlust des Bodens, welcher mehr oder weniger immer, und also auch bei dem Angreifenden, eintritt, wenn er nicht glücklich ist; dann die zerstörte ursprüngliche Ordnung, das Durcheinandergeraten der Teile, die Gefahren des Rückzuges, die mit wenig Ausnahmen immer bald schwächer, bald stärker eintreten; nun der Rückzug, der meist in der Nacht angetreten oder wenigstens die Nacht hindurch fortgesetzt wird. Gleich bei diesem ersten Marsch müssen wir eine Menge von Ermatteten und Zerstreuten zurücklassen, oft gerade die Bravsten, die sich am weitesten vorgewagt, die am längsten ausgeharrt haben; das Gefühl, besiegt zu sein, welches auf dem Schlachtfelde nur die höheren Offiziere ergriff, geht nun durch alle Klassen bis zum Gemeinen über, verstärkt durch den abscheulichen Eindruck, soviel brave Gefährten, die gerade in der Schlacht uns erst recht wert geworden sind, in Feindes Händen zurücklassen zu müssen, und verstärkt durch das erwachende Mißtrauen gegen die Führung, der mehr oder weniger jeder Untergebene die Schuld seiner vergeblich gemachten Anstrengungen beimißt. Und dieses Gefühl, besiegt zu sein, ist keine bloße Einbildung, über die man Herr werden könnte; es ist die evidente Wahrheit, daß der Gegner uns überlegen ist; eine Wahrheit, die in den Ursachen so versteckt sein konnte, daß sie vorher nicht zu übersehen war, die aber beim Ausgang immer klar und bündig hervortritt, die man auch vielleicht vorher erkannt hat, der man aber in Ermangelung von etwas Reellerem Hoffnung auf den Zufall, Vertrauen auf Glück und Vorsehung, mutiges Wagen entgegenstellen mußte. Nun hat sich dies alles unzulänglich erwiesen, und die ernste Wahrheit tritt uns streng und gebieterisch entgegen.

Alle diese Eindrücke sind noch weit entfernt von einem panischen Schrecken, welcher bei einem mit kriegerischer Tugend ausgerüsteten Heere nie und bei jedem anderen doch nur ausnahmsweise die Folge verlorener Schlachten ist. Sie müssen auch beim besten Heere entstehen, und wenn lange Kriegs- und Siegesgewohnheit, großes Vertrauen zum Feldherrn sie hier und da ein wenig mildert, so fehlen sie doch im ersten Augenblick niemals ganz. Auch sind sie nicht die bloße Folge verlorener Trophäen, diese gehen gewöhnlich erst später verloren und werden nicht so schnell allgemein bekannt; sie werden also auch bei dem langsamsten und abgemessensten Umschlagen des Gleichgewichts nicht fehlen und immer diejenige Wirkung eines Sieges ausmachen, auf die man in jedem Fall rechnen kann.

Daß der Umfang der Trophäen diese Wirkung erhöht, haben wir schon gesagt.

Wie sehr ist nun ein Heer in diesem Zustande, als Instrument betrachtet, geschwächt, wie wenig läßt sich erwarten, daß es in diesem geschwächten Zustande, welcher, wie wir schon gesagt haben, in allen gewöhnlichen Schwierigkeiten der Kriegführung neue Feinde findet, imstande sei, das Verlorene durch eine neue Anstrengung wieder einzubringen! Vor der Schlacht bestand ein wirkliches oder eingebildetes Gleichgewicht beider Teile; dieses ist verloren, und es ist also eine äußere Ursache erforderlich, um es wieder zu gewinnen; jede neue Kraftanstrengung ohne einen solchen äußeren Stützpunkt wird nur zu neuem Verluste führen.

So ist also in dem mäßigsten Siege der Hauptmacht schon der Grund zu einem beständigen Sinken der Waage gegeben, bis neue äußere Verhältnisse eine Wendung herbeiführen. Sind diese nicht nahe, ist der Sieger ein rastloser Gegner, der ruhmdürstig nach großen Zwecken jagt, so ist ein vorzüglicher Feldherr und ein in vielen Feldzügen gediegener und gestählter kriegerischer Geist des Heeres nötig, um den angeschwollenen Strom des Übergewichts nicht ganz durchbrechen zu lassen, sondern durch einen kleinen vervielfältigten Widerstand seinen Lauf zu ermäßigen, bis sich die Kraft des Sieges am Ziel einer gewissen Bahn ausgerungen hat.

Und nun die Wirkung außer dem Heer bei Volk und Regierung; es ist das plötzliche Zusammenbrechen der gespanntesten Hoffnungen, das Niederwerfen des ganzen Selbstgefühls. An die Stelle dieser vernichteten Kräfte strömt in das entstandene Vakuum die Furcht mit ihrer verderblichen Expansivkraft und vollendet die Lähmung. Es ist ein wahrer Nervenschlag, den einer der beiden Athleten durch den elektrischen Funken der Hauptschlacht bekommt. Auch diese Wirkung, wie verschiedenen in ihren Graden hier und dort, bleibt niemals ganz aus. Anstatt daß jeder in seiner Wirksamkeit geschäftigt herbeieilen sollte, um dem Unglück zu steuern, fürchtet jeder, daß seine Anstrengung eine vergebliche sein werde, und hält zögernd inne, wo er eilen sollte, oder läßt gar mutlos die Arme sinken, alles dem Fatum anheimgebend.

Die Folgen aber, welche diese Wirkung des Sieges in dem Gang des Krieges selbst hervorbringt, hängen teils von dem Charakter und Talent des siegenden Feldherrn, mehr aber von den Verhältnissen ab, aus welchen der Sieg hervorgeht, und in welche er hineinführt. Ohne Kühnheit und Unternehmungsgeist des Feldherrn wird der glänzendste Sieg keinen großen Erfolg geben, und noch viel schneller erschöpft sich diese Kraft an den Verhältnissen, wenn diese sich ihr groß und stark entgegenstellen. Wie ganz anders als Daun würde Friedrich der Große den Sieg bei Kolin benutzt haben, und welche anderen Folgen als Preußen hätte Frankreich einer Schlacht von Leuthen geben können!

Die Bedingungen, welche von einem großen Sieg große Folgen erwarten lassen, werden wir bei den Gegenständen kennenlernen, an welche sie sich knüpfen, und dann erst wird das Mißverhältnis sich erklären lassen, welches beim ersten Blick zwischen der Größe eines Sieges und seinen Folgen stattfinden kann, und welches man allzu bereit ist, dem Mangel an Energie des Siegers beizumessen. Hier, wo wir es mit der Hauptschlacht an sich zu tun haben, wollen wir dabei stehen bleiben, zu sagen: daß die geschilderten Wirkungen eines Sieges niemals fehlen, daß sie steigen mit der intensiven Stärke des Sieges, steigen, je mehr die Schlacht Hauptschlacht, d. h. je mehr in ihr die ganze Streitkraft vereinigt, je mehr in dieser Streitkraft die ganze Kriegsmacht und in der Kriegsmacht der ganze Staat enthalten ist.

Darf denn aber die Theorie diese Wirkung des Sieges als eine ganz notwendige annehmen, muß sie sich nicht vielmehr bestreben, das genügende Mittel dagegen aufzufinden und so die Wirkung wieder aufzuheben? Es scheint so natürlich, diese Frage zu bejahen; aber der Himmel behüte uns vor diesem Abweg der meisten Theorien, wodurch ein sich gegenseitig verzehrendes pro et contra entsteht.

Allerdings ist jene Wirkung ganz notwendig, denn sie ist in der Natur der Sache gegründet, und sie besteht auch dann, wenn wir Mittel linden, ihr entgegenzustreben, so wie die Bewegung einer Kanonenkugel in der Richtung der Erdumwälzung fortbesteht, wenn sie, auch von Osten nach Westen abgeschossen, durch diese entgegengesetzte Bewegung einen Teil der allgemeinen Geschwindigkeit vernichtet.

Der ganze Krieg setzt menschliche Schwäche voraus, und gegen diese ist er gerichtet.

Wenn wir also in der Folge bei einer anderen Gelegenheit überlegen, was nach einer verlorenen Hauptschlacht zu tun ist, wenn wir die Mittel in Betrachtung ziehen, die in der verzweifeltsten Lage noch übrig bleiben möchten, wenn wir auch in dieser Lage noch an die Möglichkeit glauben werden, alles wiederzugewinnen, so ist damit nicht gemeint, die Wirkungen einer solchen Niederlage nach und nach gleich Null zu machen, denn die Kräfte und Mittel, die man zur Herstellung anwendet, hätten zu positiven Zwecken angewendet werden können; und dies gilt von den moralischen wie von den physischen Kräften.

Eine andere Frage ist es, ob durch den Verlust einer Hauptschlacht nicht vielleicht Kräfte geweckt werden, die sonst gar nicht ins Leben gekommen wären. Dieser Fall ist allerdings denkbar, und er ist bei vielen Völkern wirklich schon vorgekommen. Aber diese verstärkte Rückwirkung hervorzubringen, liegt nicht mehr im Gebiete der Kriegskunst, diese kann nur darauf Rücksicht nehmen, wo sie allenfalls vorauszusetzen ist.

Wenn es nun Fälle gibt, wo die Folgen eines Sieges verderblicher erscheinen können durch die Rückwirkung der dadurch geweckten Kräfte, Fälle, die freilich zu den seltensten Ausnahmen gehören, so muß um so gewisser eine Verschiedenheit in den Folgen angenommen werden, welche ein und derselbe Sieg hervorbringen kann nach dem Charakter des besiegten Volkes oder Staates.



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