CLAUSEWITZ: VOM KRIEGE
From the first edition of Vom Kriege


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Drittes Buch:

Von der Strategie überhaupt

Sechzehntes Kapitel:
Über den Stillstand im kriegerischen Akt

Wenn man den Krieg als einen Akt gegenseitiger Vernichtung ansieht, so muß man sich notwendigerweise beide Teile als im allgemeinen vorschreitend denken, zugleich aber muß man sich, was den jedesmaligen Augenblick betrifft, fast ebenso notwendigerweise den einen als abwartend und nur den anderen als vorschreitend denken, denn die Umstände werden niemals auf beiden Seiten völlig gleich sein oder sich völlig gleich bleiben. Es wird mit der Zeit ein Wechsel entstehen, woraus dann folgt, daß der gegenwärtige Augenblick dem einen günstiger ist als dem anderen. Setzt man nun bei beiden Feldherren eine vollkommene Kenntnis dieser Umstände voraus, so entspringt daraus für den einen ein Grund des Handelns, der dann zugleich für den anderen ein Grund des Abwartens wird. Es können also hiernach beide nicht zugleich das Interesse des Vorschreitens, aber auch nicht zugleich das Interesse des Abwartens haben. Dieses gegenseitige Ausschließen desselben Zweckes ist hier nicht aus dem Grunde der allgemeinen Polarität hergeleitet und also kein Widerspruch gegen die Behauptung des fünften Kapitels des zweiten Buches, sondern rührt daher, daß hier für beide Feldherren wirklich dieselbe Sache Bestimmungsgrund wird, nämlich die Wahrscheinlichkeit einer Verbesserung oder Verschlimmerung ihrer Lage durch die Zukunft.

Ließe man aber auch die Möglichkeit einer völligen Gleichheit der Umstände in dieser Beziehung zu, oder nimmt man darauf Rücksicht, daß die mangelhafte Kenntnis der gegenseitigen Lagen beiden Feldherren es so erscheinen lassen kann, so hebt doch die Verschiedenheit der politischen Zwecke diese Möglichkeit eines Stillstandes auf. Einer der beiden Teile muß, politisch genommen, notwendig der Angreifende sein, weil aus gegenseitiger Verteídigungsabsicht kein Krieg entstehen kann. Der Angreifende aber hat den positiven Zweck, der Verteidiger einen bloß negativen; - jenem gebührt also das positive Handeln, denn nur dadurch kann er den positiven Zweck erreichen. Es wird also in den Fällen, wo beide Teile sich in ganz gleichen Umständen befinden, der Angreifende durch seinen positiven Zweck zum Handeln aufgefordert.

So ist also nach dieser Vorstellungsart ein Stillstand im kriegerischen Akt strenge genommen ein Widerspruch mit der Natur der Sache, weil beide Heere wie zwei feindliche Elemente einander unausgesetzt vertilgen müssen, so wie Feuer und Wasser sich nie ins Gleichgewicht setzen, sondern solange auf einander einwirken, bis eines ganz verschwunden ist. Was würde man von zwei Ringern sagen, die sich stundenlang umfaßt hielten, ohne eine Bewegung zu machen? Der kriegerische Akt sollte also wie ein aufgezogenes Uhrwerk in stetiger Bewegung ablaufen. - Aber so wild die Natur des Krieges ist, so liegt sie doch an der Kette der menschlichen Schwächen, und der Widerspruch, der sich hier zeigt, daß der Mensch die Gefahr sucht und schafft, die er gleichwohl fürchtet, wird niemand befremden.

Richten wir den Blick auf die Kriegsgeschichte überhaupt, so finden wir so sehr das Gegenteil von einem unaufhaltsamen Fortschreiten zum Ziel, daß ganz offenbar Stillstehen und Nichtstun der Grundzustand der Heere mitten im Kriege ist und das Handeln die Ausnahme. Dies sollte uns an der Richtigkeit der gefaßten Vorstellung fast irremachen. Aber wenn die Kriegsgeschichte dies tut durch die Masse ihrer Begebenheiten, so führt die letzte Reihe derselben von selbst in unsere Ansicht zurück. Der Revolutionskrieg zeigt nur zu sehr ihre Realität und beweist nur zu sehr ihre Notwendigkeit. In ihm, und besonders in den Feldzügen Bonapartes, hat die Kriegführung den unbedingten Grad der Energie erreicht, den wir als das natürliche Gesetz des Elements betrachtet haben. Dieser Grad ist also möglich, und wenn er möglich ist, so ist er notwendig.

In der Tat, wie wollte man auch vor den Augen der Vernunft den Aufwand von Kräften rechtfertigen, welchen man im Kriege macht, wenn ein Handeln nicht der Zweck wäre? Der Bäcker heizt seinen Ofen nur, wenn er das Brot hineinschieben will; die Pferde spannt man nur an den Wagen, wenn man damit fahren will; warum denn die ungeheuren Anstrengungen eines Krieges machen, wenn man damit nichts hervorbringen will als ähnliche Anstrengungen beim Feinde?

So viel zur Rechtfertigung des allgemeinen Prinzips, jetzt von seinen Modifikationen, soweit sie in der Natur der Sache liegen und nicht von individuellen Fällen abhängen.

Es sind hier drei Ursachen zu bemerken, welche als innere Gegengewichte erscheinen und das allzu rasche oder unaufhaltsame Ablaufen des Uhrwerks verhindern.

Die erste, welche einen beständigen Hang zum Aufenthalt hervorbringt und dadurch ein retardierendes Prinzip wird, ist die natürliche Furchtsamkeit und Unentschlossenheit des menschlichen Geistes, eine Art Schwere in der moralischen Welt, die aber nicht durch anziehende, sondern durch zurückstoßende Kräfte hervorgebracht wird; nämlich durch die Scheu vor Gefahr und Verantwortlichkeit.

In dem Flammenelement des Krieges müssen die gewöhnlichen Naturen schwerer erscheinen, die Anstöße müssen also stärker und wiederholter sein, wenn die Bewegung eine dauernde werden soll. Selten reicht die bloße Vorstellung von dem Zweck der Bewaffnung hin, diese Schwere zu überwinden, und wenn nicht ein kriegerischer unternehmender Geist an der Spitze steht, der sich im Kriege, wie der Fisch im Wasser, in seinem rechten Element befindet, oder wenn nicht eine große Verantwortlichkeit von oben drückt, so wird das Stillstehen zur Tagesordnung und das Vorschreiten zu den Ausnahmen gehören.

Die zweite Ursache ist die Unvollkommenheit menschlicher Einsicht und Beurteilung, die im Kriege größer ist als irgendwo, weil man kaum die eigene Lage in jedem Augenblick genau kennt, die des Gegners aber, weil sie verschleiert ist, aus wenigem erraten muß. Dies bringt denn oft den Fall hervor, daß beide Teile auch da ein und denselben Gegenstand für ihren Vorteil ansehen, wo das Interesse des einen doch überwiegend ist. So kann denn jeder glauben, weise zu tun, wenn er einen anderen Moment abwartet, wie wir das im fünften Kapitel des zweiten Buches schon gesagt haben.

Die dritte Ursache, welche wie ein Sperrad in das Uhrwerk eingreift und von Zeit zu Zeit einen gänzlichen Stillstand hervorbringt, ist die größere Stärke der Verteidigung; A kann sich zu schwach fühlen, B anzugreifen, woraus aber nicht folgt, daß B stark genug zum Angriff gegen A sei. Der Zusatz von Kraft, welchen die Verteidigung gibt, geht durch den Angriff nicht bloß verloren, sondern wird dem Gegner gegeben, so wie, bildlich gesagt, die Different von a + b und a - b gleich 2b ist. Daher kann es kommen, daß beide Teile zum Angriff zugleich zu schwach nicht bloß sich fühlen, sondern wirklich sind.

So finden mitten in der Kriegskunst selbst besorgliche Klugheit, Furcht vor allzu großer Gefahr bequeme Standpunkt, um sich geltend zu machen und das elementarische Ungestüm des Krieges zu bändigen.

Indessen würden diese Ursachen schwerlich ohne Zwang den langen Stillstand erklären können, den die Unternehmungen in früheren, von keinem großen Interesse angeregten Kriegen litten, wo der Müßiggang neun Zehnteile der Zeit einnahmen, die man unter den Waffen zubrachte. Diese Erscheinung rührt vorzüglich von dem Einfluß her, den die Forderung des einen und der Zustand und die Stimmung des anderen auf die Führung des Krieges haben, wie im Kapitel vom Wesen und Zweck des Krieges bereits gesagt ist.

Diese Dinge können von einem so überwiegenden Einfluß werden, daß sie den Krieg zu einem Halbdinge machen. Oft sind die Kriege nicht viel mehr wie eine bewaffnete Neutralität oder eine drohende Stellung zur Unterstützung der Unterhandlungen oder ein mäßiger Versuch, sich in einen kleinen Vorteil zu setzen und dann die Sache abzuwarten, oder eine unangenehme Bundespflicht, die man so karg als möglich erfüllt.

In allen diesen Fällen, wo der Stoß der Interessen gering, das Prinzip der Feindschaft schwach ist, wo man dem Gegner nicht viel tun will und auch nicht viel von ihm zu befürchten hat, kurz, wo kein großes Interesse drängt und treibt, wollen die Kabinette nicht viel aufs Spiel setzen, und daher diese zahme Kriegführung, wo der feindselige Geist des wahren Krieges an die Kette gelegt wird.

Je mehr der Krieg auf diese Weise zu einem Halbdinge wird, um so mehr entbehrt die Theorie desselben der nötigen festen Punkte und Widerlagen für ihr Räsonnement, des Notwendigen wird immer weniger, des Zufälligen immer mehr.

Nichtsdestoweniger wird es auch in dieser Kriegführung eine Klugheit geben, ja vielleicht ist ihr Spiel hier mannigfaltiger und ausgedehnter als in der anderen. Das Hazardspiel mit Goldrollen scheint in ein Kommerzspiel mit Groschen verwandelt. Und in diesem Felde, wo die Kriegführung mit vielen kleinen Schnörkeln die Zeit ausfüllt, mit Vorpostengefechten, die zwischen Ernst und Scherz in der Mitte stehen, mit langen Dispositionen, die nichts hervorbringen, mit Stellungen und Märschen, die man hinterher nur darum gelehrt nennt, weil die winzig kleine Ursache derselben verloren gegangen ist und der Hausverstand sich nichts dabei denken kann, gerade in diesem Felde finden manche Theoretiker die wahre Kriegskunst zu Hause; in diesen Finten, Paraden, Halben- und Viertelstößen der alten Kriege finden sie das Ziel aller Theorie, das Vorherrschen des Geistes über die Materie, und die letzten Kriege kommen ihnen dagegen wie rohe Faustschläge vor, bei denen nichts zu lernen ist und die man als Rückschritte gegen die Barbarei betrachten muß. Diese Ansicht ist ebenso kleinlich als ihr Gegenstand. Wo große Kräfte, große Leidenschaften fehlen, ist es einer gewandten Klugheit freilich leichter, ihr Spiel zu zeigen; aber ist denn die Leitung großer Kräfte, das Steuern in Sturm und Wellenschlag nicht an sich eine höhere Tätigkeit des Geistes? Ist denn jene Rapierkunst nicht von der anderen Kriegführung umfaßt und getragen? Verhält sie sich nicht zu ihr, wie sich die Bewegungen auf einem Schiffe zu den Bewegungen des Schiffes verhalten? Sie kann ja nur bestehen unter der stillschweigenden Bedingung, daß der Gegner es nicht besser mache. Und wissen wir, wie lange er diese Bedingung erfüllen wird? Hat uns denn nicht Frankreichs Revolution mitten in der eingebildeten Sicherheit unserer alten Künste überfallen und von Châlons bis Moskau geschleudert? Und hat Friedrich der Große nicht schon auf ähnliche Weise die Österreicher in der Ruhe ihrer alten Kriegsgewohnheiten überrascht und ihre Monarchie erschüttert? - Wehe dem Kabinett, das mit einer halben Politik und gefesselten Kriegskunst auf einen Gegner trifft, der wie das rohe Element keine anderen Gesetze kennt als die seiner innewohnenden Kraft! Dann wird jeder Mangel an Tätigkeit und Anstrengung ein Gewicht in der Waagschale des Gegners; es ist dann nicht so leicht, die Fechterstellung in die eines Athleten zu verwandeln, und ein geringer Stoß reicht oft hin, das Ganze zu Boden zu werfen.

Aus allen angeführten Ursachen geht hervor, daß der kriegerische Akt eines Feldzuges nicht in kontinuierlicher Bewegung fortläuft, sondern ruckweise, und daß also zwischen den einzelnen blutigen Handlungen eine Zeit des Beobachtens eintritt, in welcher sich beide Teile in der Verteidigung befinden, sowie daß gewöhnlich ein höherer Zweck bei dem einen das Prinzip des Angriffs vorherrschen und ihn im allgemeinen in einer fortschreitenden Stellung bleiben läßt, wodurch denn sein Betragen in etwas modifiziert wird.



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