CLAUSEWITZ: VOM KRIEGE
From the first edition of Vom Kriege


.

Drittes Buch:

Von der Strategie überhaupt

Fünfzehntes Kapitel:
Geometrisches Element

Wie stark das geometrische Element oder die Form in der Aufstellung der Streitkräfte im Kriege zu einem vorherrschenden Prinzip werden kann, sehen wir an der Befestigungskunst, wo die Geometrie fast das Größte und Kleinste besorgt. Auch in der Taktik spielt sie eine große Rolle. Von der Taktik im engeren Sinne, der Bewegungslehre der Truppen, ist sie die Grundlage; in der Feldbefestigung aber sowie in der Lehre von den Stellungen und ihrem Angriff herrschen ihre Winkel und Linien wie Gesetzgeber, welche den Streit zu entscheiden haben. Manches ist hier zu falscher Anwendung gekommen, und anderes war nur Spielerei; aber dennoch hat gerade in der heutigen Taktik, wo man in jedem Gefecht seinen Gegner zu umfassen sucht, das geometrische Element von neuem eine große Wirksamkeit erhalten, zwar in sehr einfacher, aber immer wiederkehrender Anwendung. Nichtsdestoweniger kann in der Taktik, wo alles beweglicher, wo die moralischen Kräfte, die individuellen Züge und der Zufall einflußreicher sind als im Festungskriege, das geometrische Element nicht ebenso wie in ihm vorherrschen. Noch geringer aber ist sein Einfluß in der Strategie. Zwar sind auch hier die Formen in der Aufstellung der Streitkräfte, die Gestalt der Länder und Staaten von großem Einfluß. - Das geometrische Prinzip ist nicht entscheidend wie in der Befestigungskunst und lange nicht so wichtig wie in der Taktik. - Auf welche Weise jener Einfluß sich zeigt, wird sich erst nach und nach an denjenigen Orten sagen lassen, wo er eintritt und Rücksicht verdient. Hier wollen wir vielmehr auf den Unterschied aufmerksam machen, welcher dabei zwischen Taktik und Strategie besteht.

In der Taktik kommen Zeit und Raum schnell auf ihr absolut Kleinstes zurück. Wenn eine Truppe von der feindlichen in Seite und Rücken gefaßt wird, so kommt es bald auf den Punkt, wo ihr gar kein Rückzug mehr bleibt; eine solche Lage ist der absoluten Unmöglichkeit, weiter zu fechten, nahe, und sie muß sich also daraus befreien oder derselben vorbeugen. Dies gibt allen dahinzielenden Kombinationen von Hause aus eine große Wirksamkeit, und diese besteht größtenteils in den Besorgnissen, welche sie dem Gegner über die Folgen einflößen. Darum ist die geometrische Aufstellung der Streitkräfte ein so wesentlicher Faktor in dem Produkt.

Von allem dem hat die Strategie wegen der großen Räume und Zeiten nur einen schwachen Reflex. Man schießt nicht von einem Kriegstheater bis zum anderen, sondern es vergehen oft Wochen und Monate, ehe eine angelegte strategische Umgehung zur Wirklichkeit kommt. Ferner sind die Räume so groß, daß die Wahrscheinlichkeit, zuletzt den rechten Punkt zu treffen, auch bei den besten Maßregeln sehr geringe bleibt.

In der Strategie ist also die Wirkung solcher Kombinationen, d. h. des geometrischen Elementes, viel geringer, und darum ist die Wirkung dessen, was man einstweilen faktisch auf einem Punkt errungen hat, viel größer. Dieser Vorteil hat Zeit, seine volle Wirkung zu äußern, ehe er von entgegengesetzten Besorgnissen darin gestört oder gar vernichtet wird. Wir scheuen uns daher nicht, es als eine ausgemachte Wahrheit anzusehen, daß es in der Strategie mehr auf die Anzahl und den Umfang siegreicher Gefechte ankomme als auf die Form der großen Lineamente, in welcher sie zusammenhängen.

Gerade die umgekehrte Ansicht ist ein Lieblingsthema neuerer Theorie gewesen, weil man geglaubt hat, dadurch der Strategie eine größere Wichtigkeit zu geben. In der Strategie aber sah man wieder die höhere Funktion des Geistes, und so glaubte man den Krieg dadurch zu veredeln und, wie man vermöge einer neuen Substitution der Begriffe sagte, wissenschaftlicher zu machen. Wir halten es für einen Hauptnutzen einer vollständigen Theorie, solchen Verschrobenheiten ihr Ansehen zu benehmen, und da das geometrische Element die Hauptvorstellung ist, von welcher dieselbe auszugehen pflegt, so haben wir diesen Punkt ausdrücklich herausgehoben.



TOC


Return to The Clausewitz Homepage