CLAUSEWITZ: VOM KRIEGE
From the first edition of Vom Kriege


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Drittes Buch:

Von der Strategie überhaupt

Zwölftes Kapitel:
Vereinigung der Kräfte in der Zeit

Wir haben es hier mit einem Begriff zu tun, der da, wo er ins tätige Leben ausläuft, mancherlei trügerischen Schein verbreitet; eine klare Feststellung und Durchführung der Vorstellungen ist uns daher Bedürfnis, und so hoffen wir, man wird uns abermals eine kleine Analyse erlauben.

Der Krieg ist ein Stoß entgegengesetzter Kräfte aufeinander, woraus von selbst folgt, daß die stärkere die andere nicht bloß vernichtet, sondern in ihrer Bewegung mit fortreißt. Dies läßt im Grunde keine nachhaltige (sukzessive) Wirkung der Kräfte zu, sondern es muß die gleichzeitige Anwendung alter für einen Stoß bestimmten Kräfte als ein Urgesetz des Krieges erscheinen.

So ist es auch wirklich, aber nur soweit, als der Kampf auch wirklich dem mechanischen Stoße gleicht; wo aber derselbe in einer dauernden gegenseitigen Einwirkung vernichtender Kräfte besteht, da kann allerdings eine nachhaltige Wirkung der Kräfte gedacht werden. Dies ist in der Taktik der Fall, hauptsächlich weil das Feuergewehr die Hauptgrundlage alter Taktik ist, aber auch aus anderen Gründen. Wenn im Feuergefecht 1000 Mann gegen 500 gebraucht werden, so ist die Größe ihres Verlustes zusammengesetzt aus der Größe der feindlichen Kräfte und der eigenen. Tausend schießen noch einmal soviel als 500; gegen 1000 aber treffen auch mehr Kugeln als gegen 500, weil doch vorauszusetzen ist, daß sie dichter stehen als jene. Dürften wir annehmen, daß auch die Anzahl der treffenden Kugeln bei ihnen doppelt so groß wäre, so würde der Verlust von beiden Seiten gleich sein. Von den 500 würden z. B. 200 außer Gefecht sein und von den 1000 gleichfalls. Hätten nun jene 500 ebensoviel hinter sich, die bis dahin ganz außer dem Feuer gehalten wurden, so würden beide Teile 800 Mann gesund haben, davon aber der eine 500 Mann ganz frisch mit voller Munition und mit vollen Kräften hätte, der andere aber nur 800 Mann, die alle im gleichen Maße aufgelöst, ohne hinlängliche Munition und in geschwächter Kraft sind. Die Voraussetzung, daß die 1000 Mann bloß wegen ihrer größeren Zahl auch doppelt soviel verlieren sollten, als 500 an ihrer Stelle verloren haben würden, ist allerdings nicht richtig, es muß also bei jener ursprünglichen Ordnung der größere Verlust, welchen der erleidet, der die Hälfte seiner Kraft zurückgestellt hat, als ein Nachteil angesehen werden; ebenso muß in der Allgemeinheit der Fälle eingeräumt werden, daß den 1000 Mann im ersten Augenblick der Vorteil werden kann, ihre Gegner aus ihrem Standpunkt zu vertreiben und in eine rückgängige Bewegung zu bringen; ob nun diese beiden Vorteile dem Nachteile das Gleichgewicht halten, sich mit 800 Mann durch das Gefecht aufgelöster Truppen gegen einen Feind zu befinden, der wenigstens nicht merklich schwächer ist und 500 Mann ganz frischer Truppen hat, das kann eine weiter getriebene Analyse nicht mehr entscheiden, sondern man muß hier auf die Erfahrung sich stützen; und da wird es wohl keinen Offizier von einiger Kriegserfahrung geben, welcher nicht in der Allgemeinheit der Fälle das Übergewicht demjenigen zuschreiben wird, der die frischen Kräfte hat.

Auf diese Weise wird es klar, wie die Anwendung zu großer Kräfte im Gefechte nachteilig werden kann, denn wie viele Vorteile uns auch die Überlegenheit im ersten Augenblick geben mag, vielleicht müssen wir im nächsten dafür büßen.

Diese Gefahr reicht aber nur soweit, als die Unordnung, der Zustand der Auflösung und Schwächung reicht, mit einem Wort, die Krise, welche jedes Gefecht auch beim Sieger mit sich bringt. In dem Bereich dieses geschwächten Zustandes ist die Erscheinung einer verhältnismäßigen frischen Anzahl Truppen entscheidend.

Wo aber diese auflösende Wirkung des Sieges aufhört, und also nur die moralische Überlegenheit bleibt, die jeder Sieg gibt, da ist die frische Kraft nicht mehr imstande, das Verlorene gutzumachen, da wird sie mit fortgerissen. Ein geschlagenes Heer kann Tages darauf nicht mehr durch eine starke Reserve zum Sieg zurückgeführt werden. Hier befinden wir uns an der Quelle eines höchst wesentlichen Unterschiedes zwischen Taktik und Strategie.

Es liegen nämlich die taktischen Erfolge, die Erfolge innerhalb des Gefechts und vor seinem Schluß, größtenteils noch in dem Bereich jener Auflösung und Schwächung; die strategischen aber, d. h. der Erfolg des Totalgefechts, der fertige Sieg, groß oder klein, wie er auch sei, liegt schon außerhalb dieses Bereichs. Erst wenn die Erfolge der Teilgefechte sich zu einem selbständigen Ganzen verbunden haben, tritt der strategische Erfolg ein, dann hört aber der Zustand der Krise auf, die Kräfte gewinnen ihre ursprüngliche Gestalt wieder und sind nur um den Teil geschwächt, der wirklich vernichtet worden ist.

Die Folge dieses Unterschiedes ist, daß die Taktik eines nachhaltigen Gebrauchs der Kräfte fähig ist und die Strategie nur eines gleichzeitigen.

Kann ich in der Taktik nicht mit dem ersten Erfolg alles entscheiden, muß ich den nächsten Augenblick fürchten, so folgt von selbst, daß ich für den Erfolg des ersten Augenblicks nur soviel Kräfte verwende, als dazu nötig scheinen, und die übrigen aus der Vernichtungssphäre sowohl des Feuers als des Faustkampfes entfernt halte, um frischen Kräften frische entgegenzustellen oder mit solchen geschwächte überwinden zu können. So ist es aber nicht in der Strategie. Teils hat sie, wie wir eben gezeigt haben, nachdem ihr Erfolg eingetreten ist, nicht so leicht eine Rückwirkung zu befürchten, weil mit diesem Erfolg die Krise aufhört, teils werden nicht notwendig alle Kräfte, die strategisch sind, geschwächt. Nur was mit der feindlichen Kraft taktisch im Konflikt, d. h. im Teilgefecht begriffen ist, wird durch sie geschwächt, also, wenn die Taktik nicht unnütz verschwendet, nur so viel, als unvermeidlich ist, keineswegs aber alles, was strategisch damit im Konflikt ist. Korps, welche wegen Überlegenheit der Kräfte wenig oder gar nicht gefochten und durch ihre bloße Gegenwart mit entschieden haben, sind nach der Entscheidung, was sie vorher waren, und für neue Zwecke ebenso brauchbar, als wenn sie müßig gewesen wären. Wie sehr aber solche die Übermacht gebenden Korps zum Totalerfolge beitragen können, ist an sich klar; ja selbst das ist nicht schwer einzusehen, wie sie selbst den Verlust der im taktischen Konflikt begriffenen Kräfte unsererseits beträchtlich verringern können.

Wächst also in der Strategie der Verlust nicht mit dem Umfang der gebrauchten Kräfte, wird er sogar dadurch oft verringert, und ist, wie sich von selbst versteht, die Entscheidung dadurch mehr für uns gesichert, so folgt von selbst, daß man niemals zu viel Kräfte anwenden könne, und folglich auch, daß die zur Verwendung vorhandenen gleichzeitig angewendet werden müssen.

Aber wir müssen den Satz noch auf einem anderen Felde durchkämpfen. Wir haben bis jetzt nur vom Kampfe selbst gesprochen; er ist die eigentliche kriegerische Tätigkeit, aber Menschen, Zeit und Raum, welche als die Träger dieser Tätigkeit erscheinen, müssen dabei berücksichtigt und die Produkte ihrer Einwirkungen in die Betrachtung mit aufgenommen werden.

Mühen, Anstrengungen und Entbehrungen sind im Kriege ein eigenes, nicht wesentlich zum Kampf gehöriges, aber mehr oder weniger unzertrennlich mit ihm verbundenes Vernichtungsprinzip, und zwar eins, was der Strategie vorzugsweise angehört. Sie finden zwar in der Taktik auch statt und vielleicht da im höchsten Grade, aber da die taktischen Akte von weniger Dauer sind, so können die Wirkungen von Anstrengungen und Entbehrungen in ihnen auch wenig in Betrachtung kommen. Aber in der Strategie, wo Zeiten und Räume größer sind, wird die Wirkung nicht nur stets merklich, sondern oft ganz entscheidend. Es ist nicht ungewöhnlich, daß ein siegreiches Heer viel mehr an Krankheiten als in Gefechten verliert.

Betrachten wir also diese Vernichtungssphäre in der Strategie, wie wir die des Feuers und des Faustkampfes in der Taktik betrachtet haben, so können wir uns allerdings vorstellen, daß alles, was ihr ausgesetzt ist, am Ende des Feldzuges oder eines anderen strategischen Abschnittes in einen Zustand der Schwächung gerät, welche eine neu erscheinende frische Kraft entscheidend macht. Man könnte also hier wie dort veranlaßt werden, den ersten Erfolg mit so wenigem als möglich zu suchen, um diese frische Kraft für das Ende sich aufzubewahren.

Um diesen Gedanken, welcher in zahlreichen Fällen der Anwendung einen großen Schein von Wahrheit haben wird, genau zu würdigen, müssen wir den Blick auf die einzelnen Vorstellungen desselben richten. Zuerst muß man den Begriff der bloßen Verstärkung nicht mit einer frischen, unabgenutzten Kraft verwechseln. Es gibt wenig Feldzüge, an deren Schluß nicht dem Sieger wie dem Besiegten ein neuer Zuwachs der Kräfte höchst erwünscht, ja entscheidend erscheinen sollte; aber davon ist hier nicht die Rede, denn dieser Zuwachs an Kräften würde nicht nötig sein, wenn diese gleich anfangs so viel größer gewesen wären. Daß aber ein frisch ins Feld rückendes Heer seinem moralischen Werte nach besser zu achten wäre als das schon im Felde stehende, so wie eine taktische Reserve allerdings besser zu achten ist als eine Truppe, die schon viel im Gefecht gelitten hat, das wäre gegen alle Erfahrung. Ebenso viel wie ein unglücklicher Feldzug den Truppen an Mut und moralischer Kraft nimmt, ebenso viel erhöht ein glücklicher ihren Wert von dieser Seite, so daß sich diese Wirkungen in der Allgemeinheit der Fälle ausgleichen, und dann noch die Kriegsgewohnheit als ein reiner Gewinn übrig bleibt. Überdem muß hier der Blick mehr auf die glücklichen als auf die unglücklichen Feldzüge gerichtet sein, weil da, wo der letztere sich mit mehr Wahrscheinlichkeit vorhersehen läßt, ohnehin die Kräfte fehlen, und an eine Zurückstellung eines Teiles derselben zum späteren Gebrauch nicht zu denken ist.

Ist dieser Punkt beseitigt, so fragt es sich: wachsen die Verluste, welche eine Streitkraft durch Anstrengungen und Entbehrungen erleidet, ebenso wie ihr Umfang, wie das im Gefecht der Fall ist? Und darauf muß man »nein« antworten.

Die Anstrengungen entstehen größtenteils aus den Gefahren, womit jeder Augenblick des kriegerischen Aktes mehr oder weniger durchdrungen ist. Diesen Gefahren überall zu begegnen, in seinem Handeln mit Sicherheit fortzuschreiten, das ist der Gegenstand einer großen Menge von Tätigkeiten, welche den taktischen und strategischen Dienst des Heeres ausmachen. Dieser Dienst wird schwieriger, je schwächer das Heer ist, und leichter, je mehr seine Überlegenheit gegen das feindliche zunimmt. Wer kann das bezweifeln? Ein Feldzug gegen einen viel schwächeren Feind wird also auch geringere Anstrengungen kosten als gegen einen ebenso starken oder gar stärkeren.

Das sind die Anstrengungen. Etwas anders sieht es mit den Entbehrungen aus. Diese bestehen hauptsächlich in zwei Gegenständen: dem Mangel an Lebensmitteln und dem Mangel beim Unterkommen der Truppen, sei es im Quartiere oder in bequemen Lagern. Beide werden allerdings um so größer, je zahlreicher das Heer auf demselben Fleck ist. Allein gibt denn nicht gerade die Übermacht auch die besten Mittel, sich auszubreiten und mehr Raum, also auch mehr Mittel des Unterhaltes und des Unterkommens zu finden?

Wenn Bonaparte im Jahr 1812 beim Vordringen in Rußland sein Heer auf eine unerhörte Weise zu großen Massen auf einer Straße vereinigt und dadurch einen ebenso unerhörten Mangel veranlaßt hat, so muß man das seinem Grundsatz zuschreiben: nie stark genug auf dem entscheidenden Punkt sein zu können. Ob er diesen Grundsatz hier übertrieben hat oder nicht, ist eine Frage, die nicht hierher gehört, aber gewiß ist es, daß, wenn er dem dadurch hervorgerufenen Mangel hätte aus dem Wege gehen wollen, er nur in einer größeren Breite vorzugehen brauchte; es fehlte dazu in Rußland nicht an Raum und wird in den wenigsten Fällen daran fehlen. Es kann also hieraus kein Grund hergeleitet werden, um zu beweisen, daß die gleichzeitige Anwendung sehr überlegener Kräfte eine größere Schwächung hervorbringen mußte. Gesetzt nun aber, Wind und Wetter und die unvermeidlichen Anstrengungen des Krieges hätten auch an dem Teil des Heeres, welchen man als eine überschießende Macht allenfalls für einen späteren Gebrauch hätte aufbewahren können, trotz der Erleichterungen, welcher dieser Teil dem Ganzen verschaffte, doch eine Verminderung bewirkt, so muß man doch nun erst alles wieder mit einem Gesamtblick im Zusammenhange auffassen und also fragen: wird diese Verminderung so viel betragen als der Gewinn an Kräften, welchen wir durch unsere Übermacht auf mehr als einem Wege machen können?

Aber es gibt noch einen sehr wichtigen Punkt zu berühren. In dem Teilgefecht kann man ohne große Schwierigkeit die Kraft ungefähr bestimmen, welche zu einem größeren Erfolg, den man sich vorgesetzt hat, nötig ist, und folglich auch bestimmen, was überflüssig sein würde. In der Strategie ist dies so gut wie unmöglich, weil der strategische Erfolg keinen so bestimmten Gegenstand und keine so nahen Grenzen hat. Was also in der Taktik als ein Überfluß von Kräften angesehen werden kann, muß in der Strategie als ein Mittel betrachtet werden, den Erfolg zu erweitern, wenn sich die Gelegenheit dazu darbietet; mit der Größe des Erfolges aber wachsen die Prozente des Gewinnes, und das Übergewicht der Kräfte kann auf diese Weise schnell zu einem Punkte kommen, welchen die sorgfältigste Ökonomie der Kräfte nie gegeben haben würde.

Vermittelst seiner ungeheuren Überlegenheit gelang es Bonaparte im Jahre 1812 bis Moskau vorzudringen und diese Zentralhauptstadt einzunehmen; wäre es ihm auch vermittelst eben dieser Übermacht noch gelungen, das russische Heer vollkommen zu zertrümmern, so würde er wahrscheinlich einen Frieden in Moskau geschlossen haben, der auf jede andere Weise weniger erreichbar war. Dies Beispiel soll den Gedanken nur erklären, nicht beweisen, welches einer umständlichen Entwicklung bedürfte, wozu hier nicht der Ort ist.

Alle diese Betrachtungen sind bloß auf den Gedanken einer sukzessiven Kraftanwendung gerichtet und nicht auf den eigentlichen Begriff einer Reserve, welchen sie zwar unaufhörlich berühren, der aber, wie wir im folgenden Kapitel sehen werden, noch mit anderen Vorstellungen zusammenhängt.

Was wir hier ausmachen wollten, ist, daß, wenn in der Taktik die Streitkraft schon durch die bloße Dauer der wirklichen Anwendung eine Schwächung erleidet, die Zeit also als ein Faktor in dem Produkt erscheint, dies in der Strategie nicht auf eine wesentliche Art der Fall ist. Die zerstörenden Wirkungen, welche die Zeit auf die Streitkräfte auch in der Strategie übt, werden durch die Masse derselben teils vermindert, teils auf andere Weise eingebracht, und es kann daher in der Strategie nicht die Absicht sein, die Zeit um ihrer selbst willen zu seinem Verbündeten zu machen, indem man die Kräfte nach und nach zur Anwendung bringt.

Wir sagen um ihrer selbst willen, denn der Wert, welchen die Zeit wegen anderer Umstände, die sie herbeiführt, die aber von ihr selbst verschieden sind, für den einen der beiden Teile haben kann, ja notwendig haben muß, ist etwas ganz anderes, ist nichts weniger als gleichgültig oder unwichtig und wird der Gegenstand anderer Betrachtung sein.

Das Gesetz, welches wir zu entwickeln versuchten, ist also: Alle Kräfte, welche für einen strategischen Zweck bestimmt und vorhanden sind, sollen gleichzeitig darauf verwendet werden, und diese Verwendung wird um so vollkommener sein, je mehr alles in einen Akt und in einen Moment zusammengedrängt wird.

Es gibt aber darum doch einen Nachdruck und eine nachhaltige Wirkung in der Strategie, und wir können sie um so weniger übersehen, als sie ein Hauptmittel des endlichen Erfolges ist, nämlich die fortdauernde Entwicklung neuer Kräfte. Auch dies ist der Gegenstand eines anderen Kapitels, und wir nennen ihn bloß, um zu verhüten, daß der Leser nicht etwas im Auge habe, wovon wir gar nicht sprechen.

Wir wenden uns nun zu einem mit unseren bisherigen Betrachtungen sehr nahe verwandten Gegenstand, durch dessen Feststellung dem Ganzen erst sein volles Licht gegeben werden kann, wir meinen die strategische Reserve.



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