CLAUSEWITZ: VOM KRIEGE
From the first edition of Vom Kriege


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Drittes Buch:

Von der Strategie überhaupt

Neuntes Kapitel:
Die Überraschung

Schon aus dem Gegenstand des vorigen Kapitels, dem allgemeinen Streben nach relativer Überlegenheit, ergibt sich ein anderes Streben, welches folglich ebenso allgemein sein muß: es ist die Überraschung des Feindes. Sie liegt mehr oder weniger allen Unternehmungen zum Grunde, denn ohne sie ist die Überlegenheit auf dem entscheidenden Punkte eigentlich nicht denkbar.

Die Überraschung wird also das Mittel zur Überlegenheit, aber sie ist außerdem auch als ein selbständiges Prinzip anzusehen, nämlich durch ihre geistige Wirkung. Wo sie in einem hohen Grade gelingt, sind Verwirrung, gebrochener Mut beim Gegner die Folgen, und wie diese den Erfolg multiplizieren, davon gibt es große und kleine Beispiele genug. Es ist also hier nicht vom eigentlichen Überfall die Rede, welcher beim Angriff hingehört, sondern von dem Bestreben, mit seinen Maßregeln überhaupt, besonders aber mit der Verteilung der Kräfte den Gegner zu überraschen, welches ebensogut bei der Verteidigung gedacht werden kann und in der taktischen Verteidigung namentlich eine große Hauptsache ist.

Wir sagen: die Überraschung liegt ohne Ausnahme allen Unternehmungen zum Grunde, nur in sehr verschiedenen Graden nach der Natur der Unternehmung und der übrigen Umstände.

Schon bei den Eigenschaften des Heeres, des Feldherrn, ja der Landesregierung fängt dieser Unterschied an.

Geheimnis und Schnelligkeit sind die beiden Faktoren dieses Produktes, und beide setzen bei der Regierung und beim Feldherrn eine große Energie, beim Heere aber einen großen Ernst des Dienstes voraus. Mit Weichlichkeit und laxen Grundsätzen ist es vergeblich, auf Überraschung zu rechnen. Aber so allgemein, ja so unerläßlich dieses Bestreben ist, und so wahr es ist, daß dasselbe nie ganz ohne Wirkung bleiben wird, so ist es doch ebenso wahr, daß es selten in einem ausgezeichneten Grade gelingt, und daß dies in der Natur der Sache liegt. Man würde sich also eine falsche Vorstellung machen, wenn man glaubte, durch dieses Mittel sei hauptsächlich viel im Kriege zu erreichen. In der Idee spricht es uns so sehr an, in der Ausführung bleibt es meistens in der Friktion der ganzen Maschine stecken.

In der Taktik ist die Überraschung vielmehr zu Hause aus der ganz natürlichen Ursache, daß alle Zeiten und Räume kleiner sind. Sie wird also in der Strategie um so tunlicher, als die Maßregeln dem Gebiet der Taktik näherliegen, und um so schwieriger, je höher hinauf gegen das Gebiet der Politik diese liegen.

Die Vorbereitungen zum Kriege nehmen gewöhnlich mehrere Monate ein, die Versammlung der Heere in ihren großen Aufstellungspunkten erfordert meistens die Anlage von Magazinen und Depots und beträchtliche Märsche, deren Richtung sich früh genug erraten läßt.

Es ist daher äußerst selten, daß ein Staat den anderen mit einem Kriege überrascht oder mit der Richtung seiner Kräfte im großen. Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert, wo der Krieg sich viel um Belagerungen drehte, war ein vielfältiges Bestreben und ein ganz eigenes wichtiges Kapitel in der Kriegskunst, einen festen Platz unvermutet einzuschließen; und auch dies gelang nur selten.

Dagegen ist bei Dingen, die von einem Tag zum anderen geschehen können, die Überraschung viel denkbarer, und so ist es denn auch oft nicht schwer, dem Feinde einen Marsch und dadurch eine Stellung, einen Punkt in der Gegend, einen Weg abzugewinnen usw. Allein es ist klar, daß, was die Überraschung nach dieser Seite hin an Leichtigkeit gewinnt, an ihrer Wirksamkeit verloren geht, sowie diese nach der anderen Richtung hin immer zunimmt. Wer da glaubt, daß sich an solche Überraschung in kleinen Maßregeln oft Großes anknüpfen ließe, z. B. der Gewinn einer Schlacht, die Wegnahme eines bedeutenden Magazins, der glaubt etwas, was allerdings sehr denkbar ist, was aber die Geschichte nicht bewährt, denn es sind im ganzen sehr wenig Beispiele, wo aus solchen Überraschungen Großes hervorgegangen wäre, woraus man wohl ein Recht hat, auf die Schwierigkeit zu schließen, die in der Sache liegen.

Freilich muß, wer die Geschichte in solchen Dingen befragt, sich nicht an gewisse Paradepferde der historischen Kritik, an ihre Sentenzen und selbstgefälligen Terminologien halten, sondern dem Faktum selbst in die Augen sehen. Es gibt z. B. einen gewissen Tag im Feldzuge von 1761 in Schlesien, der in dieser Beziehung eine Art Berühmtheit hat. Es ist der 22. Juli, an welchem Friedrich der Große dem General Laudon den Marsch nach Nossen bei Neisse abgewann, wodurch, wie es heißt, die Vereinigung der österreichischen und russischen Armee in Oberschlesien unmöglich und also für den König ein Zeitraum von vier Wochen gewonnen wurde. Wer dieses Ereignis in den Hauptgeschichtschreibern* umständlich nachliest und unbefangen überlegt, wird in dem Marsch vom 22. Juli diese Bedeutung niemals finden und überhaupt in dem ganzen Räsonnement, welches über diesen Punkt zur Mode geworden ist, nichts als Widersprüche, in den Bewegungen Laudons in dieser berühmten Manöverzeit aber viel Unmotiviertes sehen. Wie könnte man nun bei dem Durst nach Wahrhaftigkeit und klarer Überzeugung solch einen historischen Beweis gelten lassen.

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* Tempelhoff, der Veteran, Friedrich der Große.

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Indem man sich von dem Prinzip der Überraschung im Laufe eines Feldzuges große Wirkungen verspricht, denkt man an eine sehr große Tätigkeit, schnelle Entschlüsse, starke Märsche, welche dazu die Mittel geben sollen; daß aber diese Dinge, auch da, wo sie in einem hohen Grade vorhanden sind, nicht immer die beabsichtigte Wirkung hervorbringen, sehen wir an Beispielen zweier Feldherren, die wohl dafür gelten können, die größte Virtuosität darin gehabt zu haben, Friedrich des Großen und Bonapartes. Der erstere, als er im Juli 1760 so urplötzlich von Bautzen aus auf Lacy fiel und sich gegen Dresden wandte, erreichte mit diesem ganzen Intermezzo eigentlich nichts, vielmehr wurden seine Angelegenheiten dadurch merklich verschlimmert, indem Glatz unterdessen fiel.

Bonaparte wandte sich im Jahr 1813 von Dresden aus zweimal urplötzlich gegen Blücher, von seinem Einfall aus der Oberlausitz nach Böhmen hinein gar nicht einmal zu sprechen, und beide Male ganz ohne die beabsichtigte Wirkung. Es wurden Lufthiebe, welche ihm nur Zeit und Kräfte kosteten und bei Dresden hätten höchst gefährlich werden können.

Eine Überraschung mit großem Erfolg geht also auch in diesem Gebiet nicht aus der bloßen Tätigkeit, Kraft und Entschlossenheit der Führung hervor, sie muß durch andere Umstände begünstigt werden. Wir wollen aber diesen Erfolg keineswegs leugnen, sondern ihn nur an die Notwendigkeit günstiger Bedingungen anknüpfen, die sich dann freilich nicht so häufig finden, und die der Handelnde selten hervorbringen kann.

Eben jene Feldherren geben jeder ein auffallendes Beispiel davon, Bonaparte in seiner berühmten Unternehmung auf Blüchers Heer 1814, als dasselbe, vom großen Heere getrennt, die Marne hinunterzog. Nicht leicht konnte ein überraschender Marsch von zwei Tagen größere Resultate geben. Blüchers Heer, auf drei Tagemärsche ausgedehnt, wurde einzeln geschlagen und erlitt einen Verlust, welcher einer verlorenen Hauptschlacht gleichkam. Es war lediglich die Wirkung der Überraschung, denn Blücher würde, wenn er an eine so nahe Möglichkeit eines Anfalls Bonapartes geglaubt hätte, seinen Marsch ganz anders eingerichtet haben. An diesen Fehler Blüchers knüpfte sich der Erfolg an. Bonaparte kannte diese Umstände allerdings nicht, und so war es für ihn glücklicher Zufall, welcher sich einmischte.

Ebenso ist es mit der Schlacht von Liegnitz 1760. Friedrich der Große gewann diese schöne Schlacht, weil er in der Nacht seine Stellung, die er eben erst bezogen hatte, schon wieder veränderte; dadurch wurde Laudon völlig überrascht, und der Erfolg war ein Verlust von 70 Kanonen und 10000 Mann. Obgleich Friedrich der Große in dieser Zeit den Grundsatz angenommen hatte, sich viel hin und her zu bewegen, um dadurch eine Schlacht unmöglich zu machen oder wenigstens des Feindes Pläne zu verrücken, so war doch die Veränderung der Stellung in der Nacht vom 14. zum 15. nicht gerade in der Absicht gemacht, sondern, wie der König selbst sagt, weil ihm die Stellung vom 14. nicht gefiel. Es war also auch hier der Zufall stark im Spiel. Ohne das Zusammentreffen des Angriffs mit der nächtlichen Veränderung und der unzugänglichen Gegend wäre der Erfolg nicht derselbe gewesen.

Auch im höheren und höchsten Gebiet der Strategie gibt es einige Beispiele folgenreicher Überraschungen, wir wollen nur an die glänzenden Züge des großen Kurfürsten gegen die Schweden von Franken bis Pommern und von der Mark bis an den Pregel, an den Feldzug von 1757 und den berühmten Übergang Bonapartes über die Alpen 1800 erinnern. Hier überlieferte ein Heer in einer Kapitulation sein ganzes Kriegstheater, und wenig fehlte 1757, daß ein anderes sein Kriegstheater und sich selbst ausgeliefert hätte. Endlich kann man für den Fall eines ganz unerwarteten Krieges Friedrichs des Großen Einfall in Schlesien anführen. Groß und gewaltig sind hier überall die Erfolge. Aber solche Erscheinungen gibt es sehr wenige in der Geschichte, wenn man nämlich nicht die Fälle damit verwechselt, wo ein Staat aus Mangel an Tätigkeit und Energie (1756 Sachsen und 1812 Rußland) mit seinen Anstalten nicht fertig wird.

Jetzt ist noch eine Bemerkung zurück, welche das Innere der Sache betrifft. Es kann nämlich nur derjenige überraschen, welcher dem anderen das Gesetz gibt; das Gesetz gibt, wer im Recht ist. Wenn wir den Gegner mit einer verkehrten Maßregel überraschen, so werden wir statt der guten Folgen vielleicht einen derben Rückschlag zu ertragen haben; in jedem Fall braucht der Gegner sich um unsere Überraschung wenig zu kümmern, er findet in unserem Fehler die Mittel, das Übel abzuwenden. Da der Angriff viel mehr positive Handlungen in sich schließt als die Verteidigung, so ist auch das Überraschen allerdings mehr in der Stelle des Angreifenden, aber keineswegs ausschließlich, wie wir das in der Folge sehen werden. Es können sich also die gegenseitigen Überraschungen des Angreifenden und des Verteidigers begegnen, und dann müßte derjenige recht behalten, welcher den Nagel am besten auf dem Kopf getroffen hat. So sollte es sein; es hält aber das praktische Leben diese Linie auch nicht so genau, und zwar aus einer einfachen Ursache. Die geistigen Wirkungen, welche die Überraschung mit sich führt, machen für denjenigen, welcher sich ihres Beistandes erfreut, oft die schlechteste Sache zu einer guten und lassen den anderen nicht zu einem ordentlichen Entschluß kommen; wir haben hier mehr als irgendwo nicht bloß die ersten Führer im Sinn, sondern jeden einzelnen, weil die Wirkung der Überraschung das Eigentümliche hat, das Band der Einheit gewaltig aufzulockern, so daß leicht jede einzelne Individualität dabei zum Vorschein kommt.

Viel hängt hier von dem allgemeinen Verhältnis ab, in welchem beide Teile zueinanderstehen. Ist der eine schon durch ein allgemeines moralisches Übergewicht zum Entmutigen und Überschnellen des anderen befähigt, so wird er sich der Überraschung mit mehr Erfolg bedienen können und selbst da gute Früchte ernten, wo er eigentlich zuschanden werden sollte.



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